Upul’s Sutta Columne 06'2+3

UPUL 7 (Teil 1-3 )

 

REFLEXIONEN ÜBER BUDDHA,
 LOTUS, AVATAMSAKA UND DEN SANGHA


Vorbemerkung:

 

Der Dalai Lama sagt: Buddhisten können von Nichtbuddhisten auf Grund ihrer philosophischen Grundhaltung und durch ihre Praxis unterschieden werden.

Was die philosophische Grundhaltung betrifft, so kann der als Buddhist betrachtet werden, der die ‚vier Siegel’ der Lehre des Buddha akzeptiert, dass nämlich:

1.      

]     Alles verunreinigte Dasein leidvoll ist (durch Störgefühle, Leidenschaften und falsche Ansichten)

]     Alle zusammengesetzten Erscheinungen vergänglich sind (es gibt keine ewige unteilbare Substanz)

]     Alle Erscheinungen ohne inhärentes Selbst sind (keine ewige Seele, alles was existiert entsteht und besteht in gegenseitiger Abhängigkeit.)

]     Dass Nirvana Frieden ist

 

Was die Praxis betrifft, so gilt die allgemeine Anschauung, dass jeder ein Buddhist ist, der die drei Juwelen (Buddha, seine Lehre und die Gemeinschaft der Praktizierenden) als seine letztgültige Zuflucht betrachtet. In der historischen Reihenfolge ist der Buddha zuerst zu nennen, er überliefert (einen „alten Pfad“) und spricht das Wort der Lehren, die den Dharma, den schriftlich festgelegten Text bilden. Wenn sich Anhänger, Schüler finden, können sie den Dharma in ihrem Bewusstseinsstrom verwirklichen.

 

I. Der Buddha

ist im Pali – Kanon (Schriften der Theravadaschule) als historische Person gesehen, als gewöhnlicher Mensch, der in Indien geboren ist und hat nach langer Vorbereitung die Buddhaschaft, die tiefste Einsicht in das Wesen des Geistes erlangt hat. Er ist eine besondere Kategorie von Wesen, weder gewöhnlicher Mensch, noch ein Gott - ein Wesen, das den Kreislauf leidvoller Existenzen transzendiert (überwunden) hat. Er hat die Bewusstseinsverunreinigungen, die Verblendung, die an die Existenz bindenden Daseins- Elemente und den Tod überwunden. Er erlangte damit das Nirvana ohne Rest, einen Bereich, der sich jeglicher begrifflichen Darstellung entzieht.

Die Mahayana- Schriften deuten den Buddha anders: hier inkarniert sich der Buddha, der als solcher (zeitlos) immer schon existiert hat, in der Welt für das Heil aller derer, die ihm auf dem Übungsweg folgen wollen. Alle seine Taten hat er nur als Vorbild und als Belehrung für die anderen Menschen vollbracht, in Wahrheit war er Zeit seines Lebens voll erleuchtet. Der Buddha ist ursprünglich also Mensch, der die zur Erlösung aus dem Kreislauf der Existenzen (Samsara, seit anfangsloser Zeit bestehend) führende, vollkommene Erleuchtung verwirklicht hat, was mit der Befreiung von Leidenschaften, Wünschen und falschen Ansichten verbunden ist. Nach seiner Erleuchtung lebt er weiter in dieser Welt, aber seine Wahrnehmung derselben überschreitet das gewöhnliche Bewusstsein. Er entfaltet tiefes Mitgefühl für alle noch nicht befreiten Wesen. Sein vorbildhaftes Leben und Handeln will den Menschen zeigen, dass sie mehr sind, als sie das alltägliche Bewusstsein erfahren lässt und vor allem: dass das Gute, das weniger ist als das höchste mögliche Gute, nur Dukkha (Unvollkommenheit, Leiden) ist. So trachtet der von ihm gewiesene Weg, gestuftes Wohlsein zu erreichen, bis hin zum höchsten Wohl, dem Erkennen des eigenen Geistes, unserer ‚wahren Natur’. Es ist das Ziel des Buddha Gautama, aber auch jedes anderen Buddha. Er ist nämlich keine einmalige Erscheinung, in vielen Zeitaltern treten von einander unterscheidbare Buddhas auf. In den Jatakas (Legenden über seine früheren Daseinsformen) beginnt die Laufbahn eines jeden Buddha damit, dass er ein Gelübde ablegt, ein Erwachter (zum Heil aller fühlenden Wesen) zu werden. Er steigt in seiner Entwicklung zum Tushita – Himmel auf und zur gegebenen Zeit tritt er von dort aus als weißer Elefant in den Leib seiner Mutter ein. Diese stirbt sieben Tage nach seiner Geburt. Er lebt dann als Prinz an einem Königshof, nach entscheidender Konfrontation mit der Leidhaftigkeit und Vergänglichkeit des Lebens zieht er in die Hauslosigkeit und erlangt nach Jahren der Anstrengung Erleuchtung und Buddhaschaft. In den Pali – Sutren beendet er seine Laufbahn, indem er ins endgültige Verlöschen eingeht. Das transformierende Erleben hat den Menschen hier in eine neue Wesenskategorie verwandelt, er ist ein zur Wirklichkeit Erwachter, ein Buddha geworden, einer, der seine wahre Natur, seinen Geist erkannt hat. Entscheidend ist die ganzheitliche Erkenntnis, die in Worte gebracht, als Dharma (Lehre) in vielfältiger Weise tradiert wird. Die Mitteilung seiner großen Erfahrung (zunächst an die früheren Weggefährten) im Wildpark zu Isipatana war gleichzeitig die Geburt des Sangha. „Aus Mitgefühl, aus Mitleid mit der Welt der irrenden Wesen“, kommt der Entschluss die befreiende Erfahrung weiterzugeben. Die Bedingungen der Welt waren soweit gediehen, dass wieder einmal ein Buddha in Erscheinung treten konnte. Die Zeit war reif, dass Buddha, Dharma, Sangha gleichzeitig entstehen konnten. Alle drei stehen in einem sich gegenseitig bedingenden Verhältnis. Ohne Buddha kein Dharma, ohne Buddha und Dharma kein Sangha und wenn kein Sangha da ist, was sollen dann Buddha und Dharma.

 

Schon rein historisch: ohne die Bereitschaft und eine gewisse Fähigkeit der Zeitgenossen, ihn und seine Lehre anzunehmen und halten zu können, wären weder der Buddha noch der Dharma traditionsfähig geworden. So herausragend die maßgebenden Menschen (wie Jesus, Sokrates, Laotse, Kungfutse u.a.) sind. Ohne den Boden, den sie fruchtbar machen und der sie auch trägt, wäre ihr Denken, Fühlen und Tun ohne Wirkung. Ein einsamer Selbstverwirklicher (Pratyekabuddha) bleibt ein historisch stummes Einzelereignis, trotz der universalen spirituellen Bedeutung, die es hat.

 

Der Bodhisattva (ein Mensch, der den Erleuchtungsgeist (bodhicitta), also den Willen, Erleuchtung zu erlangen, um allen Wesen zur geistigen Befreiung zu verhelfen, entwickelt hat und immer wieder in die Leidenswelt zurückkehrt, um hier heilbringend tätig zu sein) motiviert und rechtfertigt sein Tun damit, dass er Heilsbringer für die fühlenden Wesen ist. Er ist Vermittler von Reinheit, Tugend und Erleuchtung. Gelingt es anderen nicht, seine Höhen zu erreichen, ist es nicht sein Fehler. (Die Frage, ob sein Rat, der materiellen Welt zu widerstehen nicht noch stärker an diese bindet, möchte ich hier stellen, aber nicht beantworten). Was zweifellos bleibt, ist das Mitgefühl und die grenzenlose Liebe zu allem Leben, die schützend alle fühlenden Wesen umhüllt. Dies enthält meines Erachtens auch die Anforderung an uns, dass wir das, was uns von ihm gezeigt wurde, mit der gleichen umfassenden Liebe tun, mit der er es uns aufgewiesen hat. Wir sollten offene freie Vermittler der Lehre sein, nicht ständig in die Sonne seines Lichtes starrend, was uns für unsere Umgebung blind machen würde. Sein Licht soll uns über die Schulter scheinen, soll uns ganz und gar durchdringen, dass wir die Vollkommenheit der Anderen  sehen, dann ist er das Licht, das durch alle Formen strahlt.

 

Nur so sind wir weder größer noch geringer als andere. Als seine Nachfolger bilden wir die Gemeinschaft der Praktizierenden, den Sangha. Der Sangha zeigt grundsätzlich demokratische Züge (s. z. B. im Parinibbana Sutta), der Buddha akzeptiert aber die natürliche hierarchische Struktur der Gruppe und die unterschiedlichen Fähigkeiten der Einzelnen, so teilt er unterschiedlichen Begabungen unterschiedliche Positionen zu. Er verlieh z. B. Sariputta und Mogallana den Titel Hauptjünger usf.

Als die Mönche ob solcher Einteilungen murrten, sagte er: „Ich ziehe niemanden vor, ich gebe jedem das, was er selbst erstrebt hat. Kondanna wollte als Erster die höchste Arhatschaft erreichen, aber nicht Hauptjünger werden.“

 

Die Hierarchien, die der Buddha einführte, orientieren sich an spezifischen Begabungen (z. B. Kassapa, der Organisator) oder sie wurden mit Jatakas begründet.

In der Anguttara Nikaya (I, 24) finden wir die Spitzen der Jüngerschaft aufgelistet., beginnend mit Kondanna dem Erstordinierten. Dann folgen die ‚Weisheitsmächtigen’ mit Sariputta an der Spitze, dann unter anderem die ‚gut vortragenden’, die ‚Waldeinsiedler’, die ‚vertrauensergebenen’. Eine lange Liste bis hin zu besonderen Laienjüngern und –jüngerinnen. So hat der Sangha doch eine strenge hierarchische Ordnung mit gewissen meritokratischen Zügen. Man steht in der Hierarchie je nach Verdienst. Bei genauer Betrachtung: was der Lehrer sagt, wird getan.

 

In diesem Kontext möchte ich daran erinnern, dass der Buddha mit seiner Anatta (Nicht – Ich) Lehre, der damals auf ‚Atman – Brahman’ gegründeten Philosophie der Kastengesellschaft des Brahmanismus widersprach. In dieser war die Welt etwas objektiv Existierendes und der Atman, die Seele von ewigem Bestand. Für den Buddha ist dies nicht real, sondern eine konstruktive Projektion des Menschen, der durch seine eigene Begriffswelt unfrei wird, weil die Begriffe eine Eigenwelt bilden, und sich von der wirklichen Welt abheben.

 

Die Anatta – Lehre will diese Projektionen und die damit verbundene Selbstentfremdung durch abstrakte Ideen und das daraus entstandene Leiden überwinden. Die Lehre von der Vergänglichkeit aller zusammengesetzten Dinge hebt jegliche Absolutsetzung begrifflicher Positionen auf, die Scheinwelt von Gedanken, Konstruktionen wird aufgelöst. Zu dem kommt, dass begrifflich dogmatische Positionen die Tendenz haben, Eliten aufzubauen. Das offene Denken hat zur Folge, dass die Gleichwertigkeit aller Menschen betont wird. Die Relativierung aller Begrifflichkeit verweist auf die wesentliche Erkenntnisquelle: Die transrationale Erfahrung durch direkte Einsicht, Meditation und Reinigung von Körper, Rede und Geist.

 

Nach der ersten Lehrrede im Isipatana und der kurz darauf folgenden Gründung des Ordens werden auch formalisierte Beziehungen zur Laienbevölkerung aufgebaut, sodass man bald vom vierfachen Sangha sprechen konnte: Mönche, Nonnen, Novizen, Laienanhänger und Laienanhängerinnen, die in wechselseitiger, altruistischer Beziehung und Verbundenheit leben. Hier wird eine Soziodynamik in Gang gesetzt, die eine spirituelle Orientierung als Zielsetzung hat, eine mutuelle (gegenseitige) Abhängigkeit, die nur dann für alle wohltuend ist, wenn sie von beiden Seiten, von Liebe, Respekt und gegenseitiger Achtung getragen wird.

 

(Sehr oft war es z. B. die Laienbevölkerung, die das funktionale Absinken der Klöster wieder in Ordnung brachte….) Der historische Siddhartha Gautama später auch Shakyamuni (der Weise aus dem Shakya – Stamm) genannt, war und ist die Leitfigur aller späteren Entwicklungen der Lehre. Er hat in über 40 Jahren Lehrtätigkeit „84.000 Belehrungen“ gegeben. Da er völlig undogmatisch jeder Weiterentwicklung der Lehre Raum gegeben hat, haben sich sehr rasch mehr oder weniger unterscheidbare Schulen gebildet.

 

Der entscheidende Schritt ereignet sich um die Zeitenwende (100 v. Ch. – 100 n. Chr.) in der Entwicklung des Mahayana. Gibt es für das kleine Fahrzeug (Hinayana) jeweils einen Buddha in einem Zeitalter, so existieren für das Mahayana zahllose transzendente Buddhas als Buddhaprinzip, das sich in zahlreichen verschiedenen Erscheinungsformen manifestiert.

 

Die wichtigsten Formen sind die Trikaya – Lehre und die Buddhafamilien. Die Grundlage all dieser Lehren ist die Überzeugung, dass der Buddha eins ist mit dem Absoluten, das sich in der Welt zum Heil aller Wesen immer wieder verkörpert. Die Bedeutung des Buddha (der Buddhas) liegt vor allem in dem, was er für die anderen Menschen bedeutet, weniger in dem, was er als Mensch gelebt hat.

Die Lehre des Buddha will primär nicht ein (wie auch immer beschaffenes) Wesen zum Objekt der Verehrung machen, das uns zur Erlösung bringt, sondern auf die befreiende, zeitlose Wirklichkeit verweisen, die jeder in sich selbst erfahren kann. Die diesem Standpunkt entsprechende Geisteshaltung will die verschiedenen Buddhaaspekte in einer gleichzeitigen Zusammenschau erfassen, in der sie frei und ungehindert aufeinander bezogen sind und sich gegenseitig durchdringen. (s. a. die späteren Ausführungen über Avatamsaka (Huayen).

 

Über aller Diversifizierung hinaus bleibt der Buddha und seine Erleuchtung Hauptquelle der Inspiration und Gegenstand gläubigen Vertrauens denn (so heißt es im Avatamsaka), Vertrauen ist Ursprung des Pfades und die Mutter der Tugenden. Religiöse Formen der Verehrung sind eigentlich erst mit der Errichtung von Pagoden (Stupas, Dagobas) über den Reliquien Buddhas und seiner großen Schüler zur Entfaltung gekommen.

 

Nun zur Trikaya Lehre:
 

]     Der Darmakaya, der Körper der großen Ordnung, ist das wahre Wesen des Buddha und mit der transzendenten Wirklichkeit des Universums identisch.

]     Der Samboghakaya, der Körper der Freude, dies ist der Körper der Buddhas, die in den reinen Ländern (Paradiesen) weilen. Dieser Körper kann nur von Bodhisattvas höherer Stufen wahrgenommen werden.

]     Der Nirmanakaya, der Körper der Verwandlung, dies ist der für alle Menschen sichtbare irdische Leib, in dem die Buddhas für die Menschen erscheinen.

 

Samboghakaya und Nirmanakaya werden als Hilfsmittel angesehen, um das Absolute zu vermitteln. Diese Grundauffassung wird in verschiedenen Schulen unterschiedlich symbolisiert.

Ein wichtiger Unterschied noch: im kleinen Fahrzeug ist der Buddha noch ein gewöhnlicher Mensch, er erkämpft sich die Erleuchtung. Nach seiner endgültigen Befreiung im Tode (Parinirvana) hört sein Bewusstseinsstrom auf. Im Mahayana inkarniert sich das Absolute (Dharmakaya) als Nirmanakaya um die Wesen zur Erleuchtung zu führen. Er hat die Erleuchtung nicht durch seine Bemühung erlangt, er war von Anbeginn immer schon erleuchtet. Auch nach seinem Tod bleibt sein Bewusstseinskontinuum bestehen nur die Befleckungen und die Geistesgifte hören vollkommen auf.

 

Es wird immer wieder betont, dass die drei Körper der Trikaya – Lehre jeder Selbstnatur entbehren und lediglich drei Aspekte einer einzigen begrifflich nicht beschreibbaren Wirklichkeit darstellen. Wobei jeder der drei, die beiden anderen in sich umfasst. (Die Anzahl der Körper „Buddhas“ hängt letztlich davon ab, aus wie viel Perspektiven man die Buddhaschaft betrachtet!).

 

(Nebenbemerkung: Es ist wohl so, Manifestation ist Sichtweise (Bedeutungserteilung) und Sichtweise ist Manifestation. Auf der nondualistischen, erleuchteten absoluten Ebene sind Ereignisse, Geschehnisse eine Ganzheit, die auf der Ebene von Wahrnehmung in Subjekt, Objekt und Vorgang der Wahrnehmung getrennt, also relativ (auf einander bezogen) erscheinen. Dabei ist auf dem Boden der Karmalehre (aber auch der Kognitionspsychologie) das Subjekt nie rein empfangend, sondern aktiv wirklichkeits-schöpfend. Vom absoluten Standpunkt her ist alles nur Bild in einem Spiegel, das sich in zahllosen anderen Spiegeln spiegelt.

 

Selbst die reale Kerze in Meister – Fa-zangs Spiegelsaal ist nur ein Symbol, eine Metapher für den unaussprechlichen nur umschreibbaren Grund des Geschehens in der Totalität.)

Außer der Trikaya – Lehre findet man ab etwa 750 n. Chr. ausgehend von Vajrayana ein hierarchisches Schema, das außer dem Dharmakaya fünf transzendente Buddhas („mit ihren Familien“) nennt. Dieses System sei hier nur erwähnt.

 

Buddha wird auch zum Synonym für das Absolute, die in jeder Hinsicht eigenschaftslose (Leere, Sunyata) letzte Wirklichkeit, die Soheit (Thatata), das Buddhawesen, die Buddhanatur, die zeitlose Wahrheit des Buddhawesens. Da in der Sichtweise des Mahayana alles Existierende leer (von Eigennatur) ist und Leerheit identisch mit dem Absoluten, ist also allen Wesen die Buddhanatur eigen und deshalb ist es allen möglich, Buddha zu werden, ganz gleich, auf welcher Existenzebene sie sich befinden. Im Hinayana ist der Begriff Buddhanatur nicht bekannt, das heißt, die Möglichkeit, Buddha zu werden, ist nicht jedem Wesen gegeben. (Wir finden. bei Gampopa ein Zitat aus dem Mahaparinirvana Sutra, dass die auf Erleuchtung gerichtete Kraft in allen Lebewesen ist, aber es dennoch Dispositionsgruppen gibt, deren eine vom erwachtesten Erleben ausgeschlossen ist, eine andere, deren Erfolg im Zweifel steht, ferner die der Hörer, denen Erlangen möglich ist und letztlich derer, die den Mahayana-Weg gehen können’. Es ist aber auch gesagt, dass selbst der erstgenannten Gruppe zugestanden wird, dass sie das völlige Wachsein erreichen kann „wollten sie sich nur bemühen“.)

 

Leerheit darf auch nicht als Behälter, der leer ist, verstanden werden. Die Nicht-Dinglichkeit ist eben kein Ding. Als Analogon kann das dynamische Vakuum der Physik gelten, das nicht leer, sondern voll von Energie ist (die sich immer wieder materialisieren kann).

 

Im Mahayana wird also Buddhaschaft durch das Verwirklichen der den Wesen inhärenten Natur erlangt, durch entsprechende spirituelle Praxis. Der japanische Lehrer Hakuin Ryoko Yasutani (20 Jh.) sagt: „Obgleich Buddhanatur jenseits aller Vorstellungen und Begriffe liegt, ist es möglich, dazu zu erwachen, da wir selbst im ureigensten Wesen Buddha sind.“

Da im Mahayana die Wesen leer (von Eigennatur) sind, sind sie ihrer Natur nach Leerheit, Synonym das Absolute, Synonym Erlöstheit, Synonym Buddhaheit. Das bedeutet auch, dass sie im Kern unzerstörbar und zeitlos sind, miteinander wesenhaft identisch, im Grunde bereits erlöst und somit jedes Wesen ein latenter Buddha ist. Im Rahmen des Hinayana kennen nur die Sautrantikas ein verbindendes Grundbewusstsein, das allen Wesen eignet. Diese Lehre wird erst im Cittamatra in den Bewusstseinsschulen zur konsequenten Durchführung gebracht. (als Alaya Vijnana Grund- oder Speicherbewusstsein)

 

Die meditativen Übungen des Hinayana sind mehr oder minder eine spirituelle Angelegenheit des Einzelnen, die ihn in seiner Haltung und Grundeinstellung verändert, was natürlich auch Effekte im sozialen Bereiche hat. Im Mahayana hingegen fordert der Erleuchtungsgeist (Bodhicitta, Erleuchtung erlangen, um allen Wesen helfen zu können), die Erfahrung der Leerheit und Einsatz von Mitgefühl und Weisheit, die einen aktiven Altruismus begründen.

In den Pali – Sutren wird hingegen berichtet, dass der Buddha seine Mönche zu gegenseitigen Beistand ermahnen musste, wobei er selbst vorbildhaft tätig war.

(Z. B. Pflege von einem seiner Mitmönche, einem vernachlässigten Kranken)

 

Zwei Dinge sind vor allem für den Sangha wichtig:

1.                                Nur wer sich auf den anderen Menschen akzeptierend einlässt, Vorurteile überwindet und bereit ist, vom anderen zu lernen, kann Nutzen aus der Gemeinschaft ziehen.

2.                                Person und Dinge sind leer in Bezug auf inhärente Existenz, sie existieren nur im und als Wechselspiel (abhängiges Entstehen) mit allen anderen. Beziehung und nicht eigene (meine) Substanz ist der Schlüsselbegriff auch für die soziale Wirklichkeit. So gesehen gibt es keine individuelle Befreiung angesichts der Leere und seinsbegründenden Bezogenheit aller Erscheinungen. Auch der einsame Yogi in seiner Höhle ist ohne seinen menschlichen Hintergrund, dem er entwachsen ist, nicht denkbar.

 

Ein im strengeren Sinne religiöser Kult hat sich, wie bereits erwähnt, erst nach dem Tod des Buddha Sakyamuni entwickelt.

Es wird gelegentlich gesagt, die Buddhalehre sei keine Religion, meines Erachtens ist sie es sehr wohl:

Religion ist Vertrauen (Glauben) an ein höheres Wesen: im Falle der Buddhaschaft war es anfangs sicher nur der Buddha als neue Kategorie des Menschseins, die allerdings später einer Art ‚Vergottung’ nicht entgangen ist.

 

Er zählt zu den maßgebenden Menschen (Karl Jaspers), die einmalig, unwiederholbar sind und seine Erleuchtung übersteigt zu allen Zeiten die seiner Nachfolger. Seine Verheißung (oder doch Offenbarung?) ist Friede, Ruhe, Aufhören aller Begierden und allen Strebens, höchstes Glück und Wohl.

Wir finden hier alle Merkmale der Religion wie: Abhängigkeit, Verbundenheit, Verpflichtung zu einer besonderen Lebensführung, Verehrungsrituale, Anbetung und anderes mehr. Im Mahayana gilt die Verehrung nicht mehr dem historischen, sonder dem ins Überweltliche erhobenen Buddha – Sakyamuni, wobei die Schilderung seiner Erhabenheit und Heiligkeit beinahe ins maßlose ausufert, so z. B. im Saddharmapundarika – Sutra verkürzt auch Lotus – Sutra genannt.

 

 

II. Das Lotus – Sutra

 

Das Lotus – Sutra gehört zu den sogenannten Vaipulya – Sutren übersetzt: die umfangreichen Sutren des Mahayana, die oft Sammlungen selbständiger Sutren sind, die bestimmte Aspekte der Lehre zum Inhalt haben. Das Lotus – Sutra, das Sutra des Lotus des guten Gesetzes ist eines der bedeutendsten Sutras des Mahayana – Buddhismus, besonders populär in China und Japan. Es enthält die wesentlichen Gedanken des Mahayana: die Lehre vom transzendenten Wesen des Buddha und die Möglichkeit universeller Erlösung. Es wird als das Sutra angesehen, das die vollständige Lehre des Buddha enthält im Gegensatz zu anderen, die nur Teilaspekte enthalten. Diese werden nur als ‚geschickte Mittel’ bezeichnet, in Wirklichkeit gibt es nur ein Fahrzeug (Ekayana), das Buddha – Fahrzeug, das zur Erleuchtung führt und Hinayana und Mahayana einschließt.

 

Das Lotus – Sutra konzentriert sich zunächst auf die Person des Buddha und dessen gläubige Verehrung. Alle früheren und kommenden Buddhas werden als Manifestationen ein und desselben Buddha gesehen, der hier und jetzt auf dem Geierberg spricht. Das Sutra hat außerdem ein klares Ziel: so wie es alle Buddhas in dem Einen vereint, so möchte es das eine Fahrzeug lehren, das alle anderen in sich aufnimmt, damit die Spaltungen in der buddhistischen Bewegung aufhören. Das große Thema des Lotus – Sutra, das eine Fahrzeug, in dem alle zusammengefasst werden können (Ekayana), denn alle Lebewesen besitzen die Eigenschaften, die zur Erlangung der Buddhaschaft notwendig sind. Dies wird dramatisch im dritten Kapitel im Gleichnis vom brennenden Haus dargestellt. Im Haus des unendlich reichen „Ältesten“ ist ein großer Brand entstanden, der die Kinder des Ältesten gefährdet. Er versucht sie mit Worten aus dem Haus zu bringen, aber sie spielen weiter, weil sie seine Worte nicht verstehen. Er greift zu einem „geschickten Mittel“, indem er jedem Kind einen, mit einer Ziege, einem Hirsch (oder Antilope) oder einen Ochsen bespannten Wagen verspricht. So lockt er sie aus dem brennenden Haus heraus. Sie können nach belieben einen der Wagen wählen, aber der Älteste wird jeden von ihnen einen großen reich geschmückten Wagen mit weißen Ochsen bespannt geben.

 

Der „Tathagata“ (der so Gegangene ist der „Vater der ganzen Welt“,   .“er befreit die Lebewesen vom Feuer der Geburt, des Alters und des Todes, von Kummer und Leid und von den drei Giften (Gier, Hass und Verblendung)“………..“ich gebe allen die Freude von unermesslich unbegrenzter Buddha Weisheit und lasse sie sich im Spiel an ihr vergnügen“………..“ihr sollt die brennenden Welten verlassen und die drei Fahrzeuge der Shravakas (Hörer), Pratyekabuddhas (einsamer Verwirklichter) und des einen Buddhafahrzeugs erlangen.

 

Unterschiede der Praxis werden hier als sekundär dargestellt. Das Lotus – Sutra ist von der Erfahrung der Liebe, des Vertrauens, des Glaubens und der Verehrung getragen. Der Buddha steht im Mittelpunkt als Prediger und Wegweiser.

 

(In den Prajna-Paramitra- Sutren geht es mehr um die Entwicklung von Weisheit, meditativer Stille und Selbstbesinnung, die eigene Verwirklichung dessen, was Buddha gelehrt hat.

In diesen Sutren steht der Dharma im Mittelpunkt. Es sind dies die unterschiedlichen geschickten Mittel, die der Lebenssituation des Einzelnen entsprechend angewendet werden.)

Es ist eine wichtige Grunderkenntnis des Mahayana, dass das erleuchtete Bewusstsein universal sein muss, weil die Erleuchtungserfahrung alle raumzeitlichen Grenzen sprengt. So wird der historische Buddha Shakyamuni im Lotus – Sutra zu dem einen überzeitlichen Buddha. Die Lotustradition bemüht sich um eine Interpretation früherer Mahayana Entwicklungen, wobei die bisherigen Lehren nicht falsch, sondern vorläufige für bestimmte Menschen geeignete Wege waren.

So wird im Lotus - Sutra das eine Fahrzeug, das Buddhayana gelehrt, die anderen Fahrzeuge sind hier geschickte Mittel, vorbereitende Übungen, den Fähigkeiten der Wesen entsprechend.

Das Lotus – Sutra ist die Verkündigung der transzendenten Realität des Buddha, die aber simultan auch das innerste Wesen eines jeden Gläubigen ist. Glaube ist kein blindes Dafürhalten, sondern existenzielle Antwort auf die Begegnung mit der höchsten spirituellen Vollkommenheit. In diesem Sutra wird zum ersten mal vom ‚kleinen Fahrzeug’ gesprochen, wegen seiner „Selbstgerechtigkeit und Engstirnigkeit“, die dem wahren Buddhageist widerspräche. Immer wird die Vorläufigkeit der anderen Wege betont und das eine unübertroffene Buddhafahrzeug ist nur das Ekayana.

Wiederholt wird gesagt: „Wer das Lotus – Sutra in gläubigem Vertrauen hört und sich der Weisheit des Buddha anvertraut, ist schon auf dem Buddhaweg.“ Der Buddha verspricht: „Die noch nicht Geretteten geleite ich zur Rettung, die noch nicht verstanden haben, bringe ich zum Verständnis, die noch keinen Frieden haben, denen werde ich Frieden geben“. Die Wichtigkeit des gläubigen Vertrauens wird betont …

Ein Kapitel ist dem Bodhisattva Avalokiteshvara gewidmet. Hier wird der Gedanke der Hilfe durch Bodhisattvas recht klar herausgestellt. Der Buddha verspricht: „Wie die große Wolke regnet, so ist der Dharma von einem Geschmack, nämlich Befreiung durch Erkenntnis, Auflösung von Verblendung und Erlöschen.“ Er predigt für die Wesen so, dass sie entsprechend ihrer Fähigkeiten stufenweise übend, sie alle die Frucht des Weges erlangen können.

„Zu Tausendmillionen Wesen spreche ich, um ihnen die reine Lehre zu zeigen. Die hat nur einen einzigen Gehalt (Geschmack), die Erlösung vom Leiden und die Ruhe. Ob ein Mensch den Buddha erschauen kann oder nicht, hängt von seinem Karma ab. Jene, die überwiegend unheilsame Taten getan haben, sind taub für den Dharma und blind für den Buddha.“ Aber auch dies gilt nicht absolut, selbst dem Mörder Angulimala ermöglichte es der Buddha durch konsequentes Bemühen Arhatschaft zu erlangen. Im Lotus – Sutra wird die Belehrung als eine für alle gegeben - die Wolke regnet, das Gras, die Büsche, die Bäume nehmen das Wasser unterschiedlich auf.

In den Pali – Sutren wird eher deutlich, dass der Buddha zu bestimmten Gelegenheiten an bestimmten Orten zu bestimmten Personen oder Gruppen spricht, wobei er offensichtlich sehr feinfühlig auf die Bedürfnisse und Möglichkeiten dieser besonderen Individualitäten eingeht (also kein Regen- oder Gießkannenprinzip). Die Form des unmittelbaren, persönlichen Kontakts kommt in den Mahayana Sutren kaum zur Sprache.

Der Lotus ist auch das Symbol für den Buddha – Shakyamuni, der, obwohl er erloschen ist, immer bei den Menschen ist, bis er alle erlöst hat, seine Lebensdauer ist unendlich. Leben, das nicht vergeht, bricht aber auch für alle Menschen auf. Alle Menschen werden die Erlösung erlangen, ohne Ausnahme und erreichen Buddhaschaft: „Das ist das wunderbare Gesetz des Lotus – Sutra.“

In diesem Sutra wird der geschichtliche Buddha – Shakyamuni ins Übermenschliche erhöht, er wird zum kosmischen Prinzip aller Wirklichkeit, die Ursache allen Lebens und aller Erscheinungen des Universums. Dieser Buddha wird zur großen Erlösergestalt für die Menschen. Er mahnt auch zu bedenken, dass, wer oberflächlich als Feind erscheint, in Wahrheit auch Buddhanatur besitzt und nicht entwertet werden darf. Im 20. Kapitel warnt der Buddha vor Unverstand und Hochmut, vor allen innerhalb des Sangha, weil dies dazu führen kann, dass die Menschen die Gegenwart des Buddha da nicht wahrnehmen können.

 

Nicht nur der ‚Stolz, sondern auch jedes starres Festhalten an Begriffen und Lehrinhalten verdunkelt die Einsicht in die Leerheit und Unaussprechlichkeit der letzten Wirklichkeit. Mönche und Anhänger, die allzu starr und engherzig Regeln beachten, üben spirituellen Materialismus aus, den Materialismus im religiösen Gewand, welcher nichts ist, als das egozentrische Jagen nach eigener Vollkommenheit. Dies alles ist noch gefährlicher, als der platte offenkundige Materialismus.

Nehmen wir die Lehre von der allen Wesen gemeinsamen Buddhanatur ernst, ist da eigentlich kein „Feind“, außer dem eigenen Ego. Gefordert ist daher Akzeptanz, Verstehen, heilende Hinwendung zu Mitgliedern welches Sangha auch immer.

In früheren Zeiten haben Hinayana und Mahayana Mönche in einem Kloster zusammen gelebt. Heute ist es eher die Regel, dass lokale Gruppen die „verschiedenen Schulen“ angehören, sich von einander abschließen. Ich halte dies für eine Form des spirituellen Materialismus. Ein intrasystemischer Dialog sollte unbeschadet dessen, dass ökumenische Bestrebungen innerhalb der Buddha – Sangha bisher wenig Erfolg hatten, intensiver gepflegt werden im Vertrauen auf die Botschaft des Lotus – Sutra: Der Buddha hat die drei Fahrzeuge dank seiner Geschicklichkeit in den Methoden gelehrt. In Wahrheit gibt es nur das eine Buddhafahrzeug, das Hinayana und Mahayana einschließt.

 

III.           Das Avatamsaka Sutra

 

Es ist übersetzt das ‚Sutra der Blumengirlande’, es ist jenes Mahayana – Sutra, das die Grundlage der Lehren der Huayen (chin, Huayan, jap. Kegon) Schule bildet, welche vor allem die Lehre von der gegenseitigen ungehinderten Durchdringung aller Dinge hervorhebt. Die Huayen Schule lehrt die Gleichheit aller Dinge und die gegenseitige Abhängigkeit aller Dinge voneinander. Diese Lehre wird auch als die ‚runde Lehre’ bezeichnet, die ’Lehre von der Totalität’, da nach dieser Auffassung alle Dinge in Einem münden und dieses Eine sich in Vieles aufteilt, wobei alles Vielfältige in dem Einen vereint bleibt. Dabei entsteht alles im Universum gleichzeitig aus sich heraus. Das ‚Ganze’ befindet sich im Zustand der Soheit, dessen statischer Aspekt die Leerheit und dessen dynamischer Aspekt die Phänomene sind. Diese beiden Bereiche sind so miteinander verflochten und voneinander abhängig, dass eben das ganze Universum durch gegenseitiges Bedingen entsteht. Die Phänomene (shi) und das grundlegende Prinzip (li) durchdringen einander ohne Behinderung.

Außerdem lehrt das Avatamsaka - Sutra, dass der menschliche Geist, das Universum selbst, und identisch mit Buddha ist. Buddha, Geist und alle Lebewesen und Dinge sind ein und das Selbe. Dieser Aspekt wurde besonders von der chinesischen Chan (jap. Zen) Schule betont, daher wird das Avatamsaka hier häufig zitiert.

Ging es im Lotus – Sutra vor allem um die gläubige Verehrung und die Verkündigung des Buddha – Fahrzeugs des einen Ekayana, so wird im Avatamsaka die Gewichtung auf die Darstellung des meditativen Weges gelegt. Genau wie beim Lotus – Sutra können wir im vorliegenden Kontext nur punktuell einige Feststellungen des Sutra eklektisch zitieren. Wichtig erscheint mir, dass in diesem Sutra die Drei-Einheit des Buddha – Dharma - Sangha betont wird.

Schon in den Pali – Sutren betont der Buddha Shakyamuni: wer den Dharma sieht, sieht mich, wer mich sieht, sieht den Dharma. Der Dharma, nicht die Person ist entscheidend, der Buddha ist Einer von Vielen, die den Dharma entdeckt bzw. wiederentdeckt haben.

Baizhang Huaihai (etwa 8.Jh.), ein Schüler des Mazu (709 – 788) führt dazu aus:

Der Geist ist Buddha, so besteht keine Notwendigkeit den Buddha durch den Buddha zu suchen. Der Geist ist Dharma, also keine Notwendigkeit, den Dharma durch den Dharma zu suchen. Der Buddha und der Dharma sind nicht zwei und wo sie sich in harmonischer Einheit befinden, da ist der Sangha. Dies sind die drei Kostbarkeiten, die in ihrer Essenz eins sind. Die drei Zufluchten sind also im Grunde zu einer zusammen zu fassen, zur ‚letzten Zuflucht’, diese ist die eine Essenz, die sich in dreifacher Gestalt manifestiert. Genau gesehen also keine Hierarchie. Auch wenn nur einige Wenige (allerdings führend und beispielhaft) Buddha werden, haben Buddha, Dharma und Sangha wesenhaft die gleiche Natur, nämlich die der Leerheit.

Aber dennoch haben sie je besondere Eigenschaften, wie einen Duft oder einen Geschmack, der an sich auch leer ist, nur wenn Bedingungen besonderer Art vorhanden sind, wird er etwas Wahrnehmbares, das Bedeutungen trägt.

Das Absolute ist reine Transzendenz, aber sobald sie aber (Bedingungen!) aus sich hervortritt oder sich in sich selbst versenkt (hilflose Metaphern für etwas, das noch kein Vorgang ist), geschieht Unterscheidung.

 

Im Taoismus gibt es den Begriff des San – i. Im übertragenem Sinn „die drei Einen“, die dem höchsten Einen unterstehen.

Im 42. Kapitel des Daodejing (TaoTeChing) steht die Urfassung dieses Gedankens so:

Das Tao brachte Eins hervor

Eins brachte Zwei hervor

Zwei brachte Drei hervor

Drei brachte die zehntausend Dinge hervor

Die Totalität der je gültigen Wirklichkeit ist weder reine Transzendenz noch Angelegenheit eines einzelnen Menschen (der ein Abstraktum wäre), noch eines Paares (das eine androgyne Einheit bilden kann), erst wenn drei vorhanden sind, die kleinste Gruppe, entstehen meines Erachtens nach dem Prinzip des gleichzeitigen Entstehens Mensch und Welt, Kosmologie, Gesellschaft, Kultur etc. (Das Geheimnis der Trinität soll hier nur als möglicher Gegenstand einer Kontemplation erwähnt werden.)

Es wird gerne übersehen, dass in unserer eigenen Erfahrung die Gruppe immer vor dem Individuum da ist, bzw. simultan.

Diese oben genannte grundlegende essentielle Einheit der Zuflucht wird oft nicht achtsam genug erfahren. Man gibt alle Verehrung dem Buddha, alles Vertrauen dem Dharma, trotz seiner Vielgestalt vielleicht noch dem Sangha als Gemeinschaft hochrealisierter Bodhisattvas. Aber in seiner weitesten Fassung, dem Sangha als Gemeinschaft aller fühlenden Wesen, die zur rechten Einsicht gelangen können und dann ihrem rechten Entschluss folgen und somit essentielle Buddhanatur sind, wird nicht die gleiche Verehrung gezollt.

Wir übersehen allerdings nicht, dass der Sangha von Anbeginn bis auf den heutigen Tag hierarchisch gegliedert ist. Es gab zu Buddhas Zeiten Hauptjünger und Nachfolger mit besonderen Fähigkeiten, die eine Art Rangordnung gebildet haben. Was hier angedeutet werden soll, ist, dass der Schleier der Gruppendynamik unsere reine Sicht der Dharmafreunde trübt, zu Animositäten und immer wieder zu weiteren Spaltungen führt.

Wir beachten die Tatsache, dass jedes Sangha – Mitglied Buddhanatur hat und letztlich Buddha ist, nicht ernsthaft genug. Wir sehen zu häufig und vorrangig die Schleier, das Fehlerhafte oder was wir dafür halten, die Schwächen, die oft die eigenen, auf den anderen projizierten sind usf.

Wir sollten die verehrende Geste, mit der wir einander zu grüßen pflegen, ganz wichtig nehmen. Mein Buddhawesen ist in dir, wie das deine in mir ist. Wenn das glaubende Vertrauen, das wir in den Buddha haben, nicht im Leben des Sangha, der lokalen Gruppe und ihrer Umgebung wahrhaft erfahren werden kann, dann wo überhaupt?

Ohne gläubiges Vertrauen in den Buddha können wir keinen Weg gehen. Wobei Buddha einerseits, wie schon erwähnt, der historische Siddhartha Gautama aber auch andere Buddhas meint: die Buddhas einer Traditionslinie, den universalen Buddha, dessen Leib das ganze Universum durchdringt, Buddha als unfassbare Wirklichkeit, Shunyata, Soheit, das Absolute.

Diese alle sind „der Buddha“, dessen Leib ungeboren und dessen wesentliche Natur still und vollkommen merkmallos ist. Das Avatamsaka Sutra betont, dass Vertrauen, der Ursprung des Pfades ist und die Mutter der Tugend. Buddhaschaft ist der Urgrund, auf dem die eigene spirituelle Praxis aufbaut. Die Erleuchtung des Buddha Shakyamuni ist die Quelle aller Inspiration aber auch Gegenstand gläubigen Vertrauens.

Der Buddha ist der feste Bezugspunkt: Seine Weisheit, Güte, Barmherzigkeit, die sich ununterbrochen manifestieren.

Hauptzweck der buddhistischen Lehre ist es, Methoden zur Verfügung zu stellen, deren Anwendung zur Verwirklichung eigener vollkommener Freiheit führt. Das intellektuelle Verständnis der wichtigsten Lehrsätze ist unverzichtbar, aber nicht der einzige Faktor im Streben. Es bedarf der Bemühung der Praxis (der Meditation) und des gläubigen Vertrauens. Die Legende sagt, dass Buddha – Shakyamuni, als er unter dem Bodhi – Baum Erleuchtung erlangt hatte, das Avatamsaka Sutra verkündete, weil dieses Sutra, die höchste Wirklichkeit auf eine vollständige und plötzliche Weise offenbart. Da er nicht verstanden wurde, entschied er sich, Belehrungen in unterschiedlichen Fassungen zu geben, so entstanden die unterschiedlichen „Fahrzeuge“.

Das Avatamsaka ist ein umfangreiches Werk und enthält alle wichtigen Lehren des Mahayana. Es umfasst all die unterschiedlichen Doktrinen und offenbart unmittelbar den Urgrund, dem alle Lehrmeinungen entspringen.

Es zeigt die unzähligen Aspekte des Pfades im Licht der umfassenden Perspektive der einen wahren Wirklichkeit, deren wichtigstes Merkmal ist, dass sich alle Phänomene gegenseitig ungehindert durchdringen. So liefert das Avatamsaka das textliche Fundament der Hua–Yen–Schule, deren allumfassendes Denken nichts ablehnt, weil in der Totalität der Buddhaschaft keine Widersprüche mehr existieren. So kann dieses Denken helfen, Erleben und Handeln in einen klaren ganzheitlichen Zusammenhang zu bringen. (siehe auch oben)

Alle fühlenden Wesen sind im Grunde gleich, ihre individuellen Eigenschaften und karmischen Bewegungen (gleichsam die Wellen) sind aber nicht der Wesensgrund (gleichsam der Ozean).

 

Eine wichtige Grundfunktion allen Lebens ist, dass es sich kontrahieren, zusammenziehen oder ausdehnen kann, undurchdringlich oder durchlässig wird. Im Zustand der Kontraktion erleben wir Angst, Schmerz, Hass und Verwirrung usw., eine große Anzahl unerwünschter Gefühle. Je „ausgedehnter“ (entspannter, gelöster, furchtloser), ein desto feineres Gewahrsein entwickeln wir, desto tieferes Verstehen,  Begreifen, Mitgefühl und Liebe. Jeder kann sich der Totalität der Buddhaschaft, in der es keine Widersprüche gibt, nähern, je mehr Widerstände aufgegeben werden, gegen alles, was wir wahrnehmen, denken oder fühlen. „Ausgedehnte“ Wesen werden durchlässig, stoßen einander nicht ab. Was wir also tun können ist, absolut allem Gegebenen eine akzeptierende, gewährende, liebende Achtsamkeit zu schenken. Wir sind durch die eigene Entscheidung, uns in Liebe auszudehnen oder in Störgefühlen von ihr abzuwenden, an den Ort gelangt, wo wir gerade leben.

Im Grunde gibt es nichts Wichtigeres für uns, als die Liebe, die fühlende Wesen zueinander empfinden, ob sie im Moment ausgedrückt werden kann oder nicht. Können wir die Widersprüche, auch alles Negative, ohne Widerstand aufnehmen, werden wir frei für Positives, können wir akzeptieren, dass etwas Hässliches immer in uns steckt, werden wir frei, Schönheit zu erschaffen.

Dennoch ist Liebe die höchste und heiligste Haltung, weil sie immer das in sich enthält, was nicht Liebe ist und sie ist ständig in Bewegung um das Nichtliebende unwirksam zu machen. Je „Ausgedehnter“ (achtsamer, verstehender, liebender) wir werden, desto eher können wir die Erfahrung der gegenseitigen „Durchdringung“ machen. Trotz ausgeprägter Individualität sind wir im tiefsten Grunde nicht getrennt.

Das Avatamsaka–Sutra wurde auch von der Chan Schule ausgiebig benützt, manche Autoren meinen, Chan könnte als die Praxis der komplizierten Lehren des Avatamsaka (HuaYen) betrachtet werden. Im Tathagata  – Kapitel des Avatamsaka (Tathagata  = der So – Gekommene bzw. So – Gegangene = Buddha) wird beschrieben, dass der Körper des Buddha formlos und unfassbar ist, aber um die Wesen zu belehren, manifestiert sich der Buddha immer wieder in der Welt.

Seine Stimme ist eigentlich überall zu vernehmen, in jeglichem Ton, in jeglichem Geräusch, er mahnt alle Geschöpfe unaufhörlich, dem Falschen zu entsagen und den wahren Pfad zu beschreiten. Aber wir haben nicht die Ohren, um es recht zu vernehmen: die unaufhörliche Lehre wird auf Grund unterschiedlicher Fähigkeiten unterschiedlich verstanden, trotzdem die Stimme vollkommener Weisheit überall gleich ist.

Die Weisheit des Buddha durchdringt alles, ist im Geist aller fühlenden Wesen gegenwärtig, aber auf Grund unserer Verblendung und unserer Unwissenheit verdunkelt. So verstehen die nicht erleuchteten Wesen nicht, dass das Rad der Lehre nicht verschieden ist von den Lautäußerungen aller Wesen, zu jeder Zeit an jedem Ort. Inmitten der Verblendung und der Verunreinigungen ist die Buddhanatur immer manifeste SOHEIT. (Wenn die Funktion von Shunyata in der Welt aufgezeigt werden soll, bekommt sie positive Bezeichnungen, sie ist dann die Eigennatur oder der wesenhafte Leib der Dinge, ihre eigentliche Wirklichkeit oder synonym SOHEIT.)

Seit frühester Zeit ist in der Buddhalehre die Tendenz festzustellen, die Wirklichkeit in positiven Kategorien zu beschreiben. In allen Wesen ist die lichthafte unzerstörbare Essenz vorhanden, die Ursache für die Erlangung der Buddhaschaft, der Geistgrund, der wahre Geist, Buddhanatur, Soheit der Dinge, eben ihre Leerheit - Shunyata.

Huangbo sagt: alle Buddhas und alle fühlenden Wesen sind nur ein Geist, und Zongmi: „es gibt keinen einzigen Dharma, der nicht Manifestation des fundamentalen Geistes wäre.“

Die Natur, aus der die Dinge hervorgehen, hat keinerlei eigene Substanz, ist weder seiend noch nicht seiend. Die Avatamsaka – Doktrin von der Naturentstehung erklärt die Beziehung zwischen der höchsten Wirklichkeit und den Phänomenen als gegenseitige Abhängigkeit.

 

Davon abgeleitet sind die Grundideen der Huayen – Schule:

  1. Die Gleichheit aller Dinge und die Abhängigkeit aller Dinge von einander (alles Vielfältige ist in dem Einen vereint)
  2. Alles im Universum entsteht gleichzeitig aus sich heraus
  3. Ein „wahres Wesen“ durchdringt und umfasst alle Phänomene. Es ist die Sphäre der unverursachten und unwandelbaren Totalität, in der alle Erscheinungen entstehen, verweilen und sich in ihr wieder auflösen.

Fajung formuliert dies so: da die Phänomene keine unabhängige Substanz haben, können sie nur in Abhängigkeit vom „wahren Prinzip“ zustande kommen. Aber unser Ego tendiert dazu, all die Bedingtheit und die mutuelle Abhängigkeit zu leugnen und zu verdrängen. Genau gesehen als Einzelne sind wir nichts. Ohne Gruppe ist ein Mensch kein Mensch. Erinnere auch daran: Buddha – Dharma – Sangha sind eine unlösbare Einheit.

Wenn wir wieder auf den Sangha zu sprechen kommen: denke immer daran, jedes Einzelwesen in sich ist leer und bedeutungslos. Leben ist Beziehung, nur durch Beziehung entsteht Bedeutung und Sinn. Wenn du tief meditierst wirst Du entdecken: es gibt keinen Feind, außer dem schrankenlosen Ego. Je mehr Ego, desto größer die Einsamkeit, je mehr Ego, desto „dichter“ und „fester“ der Einzelne. Je weniger Ego, desto lichter und durchlässiger, offener, je lichtähnlicher, desto weniger Behinderung, desto eher erstrahlt das Eine in dem Vielen, ohne Behinderung, ohne Feindschaft.

Denn: alle Dharmas haben ihre Existenz in Abhängigkeit von der Buddhanatur, so sagt das Avatamsaka. Der Lehrer Fazang meint, dass die Doktrin von der bedingten Entstehung die Quintessenz des Avatamsaka und der höchste Lehrsatz der Buddhalehre sei.

Nach dieser Doktrin ist jedes Phänomen frei von Selbstnatur (leer), es entsteht bedingt und wird durch die Gesamtheit aller Phänomene bestimmt, die es seinerseits mitkonstituiert.

So bestimmt jedes Phänomen jedes andere und wird durch alle anderen mitbestimmt. Diese wechselseitige Abhängigkeit wird auch als wechselseitige Identität bezeichnet. Jedes Phänomen enthält auch alle anderen, wie auch die Gesamtheit aller Phänomene (Totalität), die sich in aller Freiheit und Nichtbehinderung gegenseitig durchdringen.

 

Für die Praxis bedeutet dies, die Gleichzeitigkeit von Ursache (Buddhanatur) und Frucht (Erleuchtung). Ebenso wie deren wechselseitige Identität, vollkommene Freiheit und Übereinstimmung (da wir Buddhanatur haben, ist simultan Erleuchtung vorhanden, es geht lediglich darum, sobald wir an Erleuchtung denken und sie da ist, sie auch in der Form zu verwirklichen, dass sie voll zur Wirkung kommt.)

Das Avatamsaka will immer wieder gelesen und gelesen werden, denn es stellt unsere Überzeugung über Selbst und Welt in Frage und bietet uns eine neue Sicht der Wirklichkeit an.

In ihm steht geschrieben „selbst wenn du es studierst, ohne irgend etwas zu erreichen, wird das dadurch erworbene Verdienst, dasjenige der Menschen und Götter übertreffen. Wenn du aber keinen Glauben hast und nicht übst, wie kannst du dann das Leid überwinden? Ob du dich oder andere betrachtest, es ist dieselbe essentielle Natur, ohne ewiges Selbst oder irgend etwas, das zu einem solchen Selbst gehörte.“

Die Weisheiten des Avatamsaka und die komplexen Theorien der alten Meister wollen uns zeigen, welche Möglichkeiten unserem Geist offen stehen. Die im Sutra detailliert geschilderte spirituelle Reise beginnt mit dem schlichten Akt der Erweckung des Vertrauens und Glaubens. Dieses Vertrauen kommt aus der eigenen Buddhanatur und vermag uns aus dem Reich unserer Zwänge, Täuschungen, Gedanken, Emotionen zu unserer wahren Heimat zu führen, dem grenzenlosen Dharmadhatu (damit ist einerseits der Bereich der Lehre gemeint, andererseits die Natur der Dinge, im Sinne einer Regel, an die sie sich halten. Im Mahayana ist Dharmadhatu das „wahre Wesen“, das alle Phänomene durchdringt und umfasst. Es ist die Sphäre der unverursachten und unwandelbaren Totalität, in der alle Erscheinungen entstehen, verweilen und wieder vergehen.)

Es geht eben um die eine Wirklichkeit (von Prinzip und Phänomen, von Form und Leere, von relativer und absoluter Welt), in der sich das Drama unserer Welt/Existenz abspielt. Dieselbe Wirklichkeit manifestiert sich vollkommen im mentalen Akt gläubigen Vertrauens jedes gewöhnlichen Menschen. Glaubt man vertrauend, ist die Frucht eigentlich von Anbeginn da.

Das Avatamsaka stellt in einem Rahmen fantastischer Bilder und innerlich geschauter Welten den Kerngedanken des Mahayana, die Weisheit der Leere dar.

Das Universum wird in dem Bewusstseinsstrom des Buddha aufgelöst, dieses universale Erleuchtungsbewusstsein kondensiert sich gleichsam immer wieder in einen Wirbel neuer Formen und Gestalten, die jeweils der geistigen Erfahrungsmöglichkeiten des Meditierenden entsprechen.

Das Sutra beschreibt hier die innere geistige Entwicklung eines Menschen durch die Erzählung einer Pilgerreise, die Symbol der Gewissheit ist, dass äußere und innere Form nur zwei Seiten ein und derselben Sache sind. Es ist das 34. Buch des Sutra, das von der Pilgerreise des Knaben Sudhana (reichhaltiger) spricht, der sich unter der Anleitung von Bodhisattva Manjusri auf den Weg zur Erlösung macht, um am Ende mit dem Bodhisattva Samantabhadra ganz zu verschmelzen und die Erleuchtung zu erlangen.

Die Funktion des Sutra ist hier, den Meditierenden bei der Übung zu unterstützen, dass er nie stehen bleibt. Die Erleuchtung ist kein Ende, der Erleuchtete bleibt in der Welt, wirkt in ihr, übt ständig, denn diese Übung ist Erleuchtung. Letztlich geht es darum, von aller Absicht und Anstrengung frei zu werden: Ein Zustand gelassener, anstrengungsloser Bewusstheit.

Die Übung wird dann zur Nichtübung, der Weg eigentlich zum „den Weg lassen“.

Das ganze Sutra ist nichts anderes, als die Darstellung der meditativen Erfahrung, dass alle Dinge als leuchtende, strahlende Gestalten erscheinen, die (weil sie selber Licht sind) keine Schatten werfen und als Licht alles durchdringen und erleuchten (eben die  Dharmadhatu).

Die zentrale Lehre des Avatamsaka (besonders des 34. Buches Gandhavyuha  = Huayen = Kegon) ist die Lehre von der gegenseitigen Durchdringung der Teile (Phänomene, Dinge) und des Ganzen (Prinzip, Totalität).

Im Avatamsaka geht es nicht um eine Erlösung von der Welt, sondern um eine Transformation der Welt zu ihrem eigentlichen Wesen, eine Wandlung, die auch das Böse (das Übel in der Welt) integrieren kann. Das Problem ist nur die Unwissenheit, die falsche Wahrnehmung, durch die die Trennung der Dinge entsteht, weil wir meinen, es mit inhärenten Substanzen und einem Ego zu tun haben.

 

Fazang hat der Kaiserin Wu Zetian zur Erklärung der Durchdringungsdoktrin einen Spiegelsaal gebaut, in dem jeder Spiegel alle anderen spiegelt, sodass ein Lichtstrahl sofort in allen anderen erscheint. In Analogie dazu: die ungehinderte Durchdringung von Phänomen und Phänomen, sowie Phänomen und Totalität bedeutet z.B. dass ein einziger Erleuchtungsstrahl ungehindert die ganze Welt durchdringt. Die spirituelle Übung und Erleuchtung eines einzigen Bodhisattva ist die Erleuchtung des ganzen Kosmos. Bodhisattva und Buddha, Weg und Ziel, Übung und Erleuchtung, Streben und Lehre, Mangel und Fülle  werden eins.

D.T.Suzuki  sagt: „das Avatamsaka – Sutra ist die Vollendung buddhistischen Denkens, buddhistischen Empfindens und buddhistischer Erfahrung.

 

Es ist die ewige Quelle des Lebens. Hier finden tief spekulative Geister ihren Frieden und auch schwer bedrückte Herzen werden ihre Last erleichtert finden. „Das Sutra übt eine große Faszination aus, auf Menschen, die nach Einheit der Natur in der Physik oder Einheit der Wirklichkeit auf dem spirituellen Weg in unserer fragmentierten Welt suchen.“

Alle Suche gründet in dem Einen: in der Stille und Einfachheit der Leere, in der Anfang und Ende identisch sind. Hier treffen wir auch auf Nagarjunas Wirklichkeitsbegriff, auf die von ihm postulierte Identität vom bedingten Entstehen und der Leere:

Die Wirklichkeit hat keinen festen Kern, besteht nicht aus Bauklötzchen (Atomen, die feste Körnchen sind), unabhängigen festen Grundbausteinen, sondern aus aufeinander bezogenen „Gegebenheiten“, die miteinander in Wechselwirkung stehen.

Das wichtigste Kennzeichen aller Dinge ist ihre wechselseitige Abhängigkeit und ihre daraus resultierende Substanzlosigkeit, die Unmöglichkeit, einzeln und unabhängig existieren zu können, das ist mit Leere (shunyata) gemeint: alles ist ohne eigenes Sein.

 

Die fundamentale Wirklichkeit besteht nicht aus einzelnen isolierten materiellen oder immateriellen „Faktoren“ (die unabhängig  „vorher“ da waren), alles entsteht gleichzeitig, in Abhängigkeit von Anderem; substantiell entsteht nichts, da nichts unabhängig (substantiell in sich und für sich seiend) existieren kann. Dieser Wirklichkeitsbegriff ist eine Beschreibung, die näherungsweise ein Hinweis auf  die  Wirklichkeit ist, die eigentlich nie hinreichend erklärt werden kann.

Sie bleibt Geheimnis, seltene mystische Erfahrung, die mit Worten auch kaum fassbar ist.  Und versucht ein Physiker seine mathematisch begründete Kenntnis über die „Materie“ zu formulieren, hört sich dies so an:

            „Auch ein Quark ist von einer Wolke virtueller Teilchen umgeben, und zwar von Gluonen und Quark – Antiquark – Paaren. Einzelne isolierte (unabhängige!) Quarks hat man noch nie beobachtet. Dieses Phänomen wird von der Forschung als Confinement bezeichnet, d. h. Quarks sind Gefangene. Sie können nicht einzeln auftreten, sondern nur als Paar oder Trio. Versucht man zwei Quarks voneinander zu trennen, entstehen zwischen ihnen neue Quarks, die sich zu Paaren oder Trios verbinden.

Andere Forscher berichten, dass zwischen den Quarks und Gluonen im Inneren eines Elementarteilchens laufend zusätzliche Quarks und Gluonen entstehen, die rasch wieder vergehen. „Wolken“ aus virtuellen Teilchen stellen die Wechselwirkung dar, bzw. stellen diese her. Quantenphysikalisch besteht die grundlegende Wirklichkeit nicht aus unabhängigen Grundbausteinen, sondern aus Wolken von virtuellen Teilchen, von denen die Komponenten umgeben sind und durch die eine Wechselwirkung mit  anderen Komponenten hergestellt wird.

 

Diese Wolken entsprechen in keiner Weise den metaphysischen Erwartungen von allem, was Stabilität, Substanz, Festigkeit, Dauerhaftigkeit und beständige Ordnung darstellt und Grundlage sein soll. Die Parallelität zu Nagarjuna ist deutlich, für diesen, wie für den Physiker ist Wirklichkeit nichts Statisches, Festes, Unabhängiges. Sie besteht überhaupt nicht aus einzelnen isolierten materiellen oder immateriellen Faktoren, sondern aus Systemen abhängiger Komponenten und es gibt keine Systeme, die aus weniger als zwei Komponenten bestehen.

Nur als Hinweis: Nagarjuna nennt seine zwei Komponenten – Systeme: ‚Geher und Strecke’, ‚Tat und Täter’, ‚Seher und sehen’ usf. (dies kann im Einzelnen hier nicht ausgeführt werden).

Beide Wirklichkeitsbegriffe beschreiben daher als einfachstes System keine isolierten unabhängigen Grundbausteine, sondern mindestens zwei Komponenten – Systeme, deren Komponenten weder getrennt noch starr, bzw. auf Dauer miteinander verbunden sind.

Dieser kurze Exkurs über parallele Wirklichkeitsauffassung von, auf meditativer Erfahrung begründender Philosophie und experimenteller Physik, soll die Bedeutung der Wirklichkeitsauffassung für die meditative Praxis unterstreichen.

Das Avatamsaka verdeutlicht seine kosmologische Haltung in lebhaften Bildern von großer Schönheit. Es lehrt, dass kein Wesen für sich alleine besteht, alle hängen zusammen. Die Wirklichkeit ist hier ein unendliches Kontinuum von Seinsebenen und Bewusstseinskräften. Damit ist auch gemeint, dass Erleuchtung nie ein individuelles Ereignis sein kann. Wenn ein einzelner Mensch Erleuchtung erreicht, so hat dies Wirkung auf die gesamte Wirklichkeit. So ist jeder Mensch mit verantwortlich für das Ganze, jeder kann Kraft seiner Bewusstseinsentwicklung allen Lebewesen von Nutzen sein.

Das „Wahre Selbst“ ist eins mit dem Ganzen. Dazu ist der „Tod“ auch der subtilsten egozentrischen Tendenzen erforderlich. Dies wird im Sutra in dramatischen Bildern dargestellt.

Der Knabe Sudhana muss Selbsthingabe in unerhörten Taten ausüben. Er kommt zu unterschiedlichen Lehrern, zu Brahmanen, einer Meisterin, namens ‚Erfüllung des Verlangens nach Erleuchtung’, dann unter anderem zur Nachtgöttin, die ihm den Weg zum Urlicht des Geistes zeigt. Dieses ist Vairocana, der die Leere der Wirklichkeit ist, in der alles nur dadurch ist, dass es mit allem anderen kommuniziert. Die Wirklichkeit ist das Zusammenspiel zahlloser, nicht substantieller Faktoren, ein Netz von Beziehungen und keine Ansammlung von Substanzen, die später miteinander in Beziehung treten.

So wird gleichnishaft geklärt, dass Kommunion, Liebe, die eigentliche Grundstruktur der Wirklichkeit ist. Der Weg des Knaben Sudhana soll uns lehren, dass wir absolut Allem volle akzeptierende, gewährende, liebende Achtsamkeit zu schenken haben.

Es gibt nichts Wichtigeres in unserem Leben, als die Liebe, die bewusste Wesen füreinander fühlen, ob sie sie ausdrücken können oder nicht.

Je mehr wir uns davon abwenden, andere Wesen zu lieben, desto dichter, härter und materiebesessener werden wir, je mehr wir uns liebend anderen zuwenden, umso offener, desto weniger starr wird die Welt. Liebe ist die höchste und heiligste Haltung, sie ist immer und ewig in  Bewegung, um das Nichtliebende auszuschließen.

Liebe ist auch das vollkommenste Hilfsmittel zur Erleuchtung!! Sie ist jederzeit für jedes Wesen zugänglich und nichts und niemand hat die Kraft ihr im Weg zu stehen.

Sudhana wird von einem Lehrer (Lehrerin) zum nächsten geschickt um zu lernen, wie ein Bodhisatva die Werke eines Bodhisatva ausführen kann. Sudhana erwirbt die Tugend der unermesslichen Heiterkeit und die Fähigkeit, Lebewesen zu erwecken, alle zu erleuchten und an keinem Seienden zu hängen.

Dann geht es um die Übung von Mahakaruna, dem großen Mitgefühl:

In jedem Lebewesen, einen Sohn, einen Vater, ein Ackerfeld, einen Lehrer und einen Buddha zu sehen. Zuletzt kommt Sudhana zum Bodhisatva Maitraya, der in Vairocanas Turm lebt. Maitraya lehrt ihn, dass alle Dinge in der Leere eins sind, was aber nicht bedeutet, dass Unterschiede verschwinden. Mit seinem gesteigerten Bewusstsein erkennt Sudhana, dass der Turm Vairocanas wie der Raum der Leere war: durch Wirkungszusammenhänge zustande gebracht war er weder Sein noch Nichts, denn die karmischen Potentiale formen in ihrer Verknüpfung das, was uns als Wirklichkeit erscheint. Denn es sind die Dinge weder substantiell noch nicht-seiend.

Sudhana trat in alles (hier) Seiende ein und verstand, dass die veränderlichen bedingten Dinge gleichsam wie Bilder in einem Spiegel sind.

  

So konnte Sudhana erkennen, dass alle Dinge weder entstehen noch vergehen und im Grunde still und leer sind und dass es keinen Gott als Schöpfer gibt. Er Begriff, dass alles Seiende durch die Wirkungszusammenhänge, Karman entsteht.

Am Ende folgt ein Hymnus auf Maitreya, der alle die bedeutenden Eigenschaften und Fähigkeiten des Bodhisattva besingt, der um jedes Lebewesens willen bis in die fernste Zukunft Leiden auf sich nehmen will. Große Teile der Buddhalehre werden in diesem Hymnus implizit dargelegt, zugleich wird aber Maitreya als der große Gnadenspender verherrlicht.

Sudhana wird dann in den Bereich des Bodhisattva Samantabhadra gebracht, der sich in seiner kosmischen Gestalt alle Welten und Zeiten umfassend zeigt. In jeder Pore Samantabhadras entsteht ein neues Universum.

So wird eine ungeheure kosmische Vielheit, deren Einheit sich im Buddhageist (Dharma) manifestiert.

Das Avatamsaka-Sutra schließt mit einem Hohenlied Samantabhadras auf den Erleuchtungsgeist.

Nur ein paar Sätze daraus:

            Kein Ich, kein Eigentum, keine Selbstheit, kein Entstehen und kein Vergehen, kein Kommen kein Gehen, alles ist so wie der Raum der Leere. Die mannigfachen Werke werden dennoch nie zunichte gemacht. Der Heilige predigt darüber mit unermesslicher Weisheit. Der Heilige predigt ein und dieselbe Lehre (Ekayana!) und die Lebewesen können sie je nach ihren Kräften in verschiedener Weise verstehen.

Auch in diesem Hymnus werden wichtige Teile der Buddhalehre abgehandelt.

„Der Heilige vollendet die Weisheit und die Tugend und doch folgt er gehorsam dem weltlichen Leben. Er ist wie der Raum der Leere von der Welt gereinigt, erscheint doch immer wieder in ihr.“

 

Vor vielen Jahren sagte mir der älteste Mönch eines Klosters in Sri Lanka: „Du bist ein Mensch und so ist es unausweichlich, dass dir Buddha begegnet in irgend einem deiner Menschenleben. Irgendeinmal geschieht es. Du kannst ihn vorbei gehen lassen, aber er wird wieder kommen, irgendwann einmal.“

 

 In diesen Rundbriefen begegnet dir Buddha immer wieder in Wiederholungen und immer wieder mit etwas Neuem. Am Beginn geht es immer um Buddha. Wo er ist, ist aber auch die Lehre und wo die Lehre ist, ist auch die Gemeinde. Die Diversifikation in Schulen und zahlreiche lokale Gruppen (Zentren), die spezifische Facetten und Eigenheiten der Lehren sich zu eigen gemacht haben und die sich nach außen abgrenzend vertreten, lässt immer wieder die Frage nach der Einheit der Lehre aufkommen.

Nach einem längeren Gespräch über die Chancen eines ökumenischen Sangha schrieb mir (ohne Datum, wir sind ja Buddhisten!) ein tibetischer Lama:

 

Dear Edmund,

let’s try all together to wake up ignorance into wisdom, partiality into equanimity and egoism into loving kindness. Sangha is one in the inspiration towards wisdom and compassion. Let’s wake up this wherever we are, whoever we are, however it’s possible. We share the same wish. Friendly yours D.F.


Es gibt zahlreiche, wichtige, gute, den Menschen dienende Lehren, aber keine hat diesen weiten Atem der Freiheit der Gewaltlosigkeit und unbedingten Liebe, wie die des Buddha Shakyamuni. Seine Person ist umgeben von einer Aura tiefen Friedens, da ist keine Spur von Krieg oder Gewalt. Keine hasserfüllte Gegnerschaft, keine Verfolgung oder gar körperliche Bedrohung, (mit Ausnahme der Attentate seines Vetters Devadatta) und ein friedvolles Ende inmitten ihn verehrender Menschen. Seine Gegner bedrohten ihn nie, es gab immer Gespräche, von ihm nicht Belehrbare gingen friedlich ihren eigenen Weg weiter, die Belehrbaren wurden Anhänger oder Schüler. Die Pali-Sutren künden von zahlreichen solchen Gesprächen die meist eher nüchtern, sachlich und nur gelegentlich mit emphatischen, Verehrungs-Stereotypen enden.

Die Tradierung der Lehre war ursprünglich eine mündliche und die Rezitatoren waren zugleich Traditionswächter. Erst etwa um 100 v. Chr. wurde der Pali Kanon schriftlich festgelegt. In diesem Jahrhundert entstanden auch die ersten Mahayana-Sutren. Das Mahayana tritt apriorisch schriftlich auf den Plan, so konnte es gewissermaßen an den Traditionswächtern vorbei in den Umlauf kommen.

Die Pali-Sutren sind selten länger als 30 Druckseiten, die Mahayana-Sutren sind umfangreiche, mehrere hundert Seiten umfassende Bücher; nicht in Pali verfasst, sondern in Sanskrit. Der Buddha, der in ihnen spricht, ist nicht der historische, sondern der ins Überweltliche, erhobene. Er predigt auf dem Geierberg, unzählige Wesen bilden die Hörerschaft: große Zahl, großer Pomp und unermessliche Verehrung kennzeichnen diese Sutren.

  

Diesmal gibt es zum Schluss keine Übungen, sondern ein paar Anmerkungen zum Kontemplieren:

  1. Zum Thema unlösbare Einheit von Buddha,Dharma und Sanga: in den Versen eines cherubinischen Wandersmannes schreibt der deutsche Mystiker Angelus Silesius: „ich weiß, dass ohne mich Gott nicht ein Nu kann leben, werd ich zu nicht, er muss von Not den Geist aufgeben.“
  2. Vor der Schau des Absoluten gilt es, die Welt der absoluten Relativität klar zu erkennen.
  3. Im Hinduismus kann man sich dem Numinosen (Heiligen, Absoluten, Gott) auf drei Wegen (Marga) nähern: Jnana – Marga (Weg der intellektuellen Durchdringung der Dinge), Bhakti – Marga (Weg der gläubigen Verehrung und Shakti – Marga (Weg der Erfassung der Energien). Lasst die Gedanken schaffen, bevor ihr sie endgültig verabschieden könnt.

 

 

Mögen alle Wesen glücklich sein.

Upul

 

 

 

 

 

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