Gedanken zum Potthapada Sutta
Das Potthapada – Sutta gehört zu den großen Sutren des Digha Nikaya (DN) und vermittelt uns, wie auch die anderen Sutren des DN einen Einblick in die gesamte Lehre des Siddhartha Gautama.
Das P.S. lässt sich meiner Ansicht nach in fünf Episoden einteilen:
In der ersten geht es um die Bedeutung der Wahrnehmung und ihre Veränderbarkeit durch meditative Praxis. Eine ausführliche Schilderung der Jhanas (Vertiefungsstufen) wird hier gegeben.
Die zweite Episode befasst sich mit dem Thema, welche Art von Fragen beantwortet werden muss, um auf dem Pfad der Lehre voranzukommen und welche nicht beantwortet werden müssen.
Die dritte Episode befasst sich mit den eindeutig beantworteten Fragen, mit den, von Buddha- Shakyamuni dargelegten Lehrsätzen.
Die vierte Episode befasst sich mit den unterscheidbaren Auffassungen vom Selbst (Ich – Identifikationen).
In der fünften Episode geht es um die Frage nach dem „wirklichen Selbst“. Da es in der ersten Episode um die Frage der Entstehung und Aufhebung von Wahrnehmung geht, zunächst einige allgemeine Bemerkungen zum Thema Wahrnehmungen:
Im Wahrnehmungsprozess erschaffen wir unsere Welt und unser Ich in jedem Augenblick und begründen sie immer wieder neu. Die Außenwelt ist etwas, wovon der Beobachter spricht, aber sie ist keine von ihm getrennte Wirklichkeit. Das neue Paradigma der Naturwissenschaften stellt fest, dass es keine metaphysische, das „gewöhnliche“, übersteigende letzte absolute Wirklichkeit gibt. (Eine Metaphysikkritik, die Buddha Shakyamuni schon vor 2500 Jahren vertreten hat)
Die Welt und das beobachtende Ich entstehen gemeinsam in einem gegenseitigen Schöpfungsprozess. Das Universum ist keine von uns gesonderte und ewige Gegebenheit.
Wir haben uns angewöhnt, aus Überzeugungskontexten und von ihnen abhängigen Erwartungen und Wahrnehmungsbereitschaften, also aus Anschauungen und nicht auf Grund von reiner Wahrnehmung zu handeln. Reine Beobachtung, Kontrolle und Schulung der Wahrnehmung ist die Basis der Achtsamkeitspraxis.
Wir nehmen wahr, wovon wir glauben, dass es vorhanden ist und nehmen es nur so wahr, wie es unsere Überzeugung nach ist.
Auf dem Weg von Konzentration (mit Erreichen der Vertiefungen), Achtsamkeit und Wissensklarheit, schließen sich uns immer neue Bereiche der Wahrnehmung auf, bis hin zu den subtilen Grenzbereichen, wo mit dem Aufhören der Wahrnehmung auch das Erleiden aufhört.
Die Revolution der heutigen Wissenschaft besteht unter anderem in der Erkenntnis, dass es keine letzte Wirklichkeit gibt, die ewig, absolut und unabhängig von unseren Wahrnehmungen, dem Bewusstsein und den Gedanken besteht.
Die unlösbare Verwobenheit von Geist (Bewusstsein) und Universum wurde im Westen lange Zeit ignoriert. Die Quantenphysik ist es, die die Frage aufwirft, ob es so etwas, wie eine objektive letzte Wirklichkeit tatsächlich geben kann. Der Buddha Gautama hat Fragen nach ihr nie beantwortet, wie in der zweiten Episode des P.S. ausgeführt werden wird. Wichtig ist ihm, dass wir unser Leben klar erfassen, Dukkha erfahren und dann Pfade gehen, die uns davon befreien können, wie in der dritten Episode dargestellt wird.
Dabei ist es wichtig, das jeweils Wahrgenommene so zu erfassen, dass wir zu einer eindeutigen Verständigung über unsere Erfahrungen kommen können. Wobei deutlich werden mag, in welch hohem Maß unsere Sprache unsere Wirklichkeit bestimmt, oder knapp gefasst, wirklich wird das, was mitgeteilt wird.
Wenn wir die soteriologische Facette der Buddhalehre als Leitschiene akzeptieren, so fokussiert der Buddha unsere Wahrnehmung, unsere Aufmerksamkeit auf die Faktizität von Dukkha und lässt Fragen nach anderen Dimensionen der Realität als irrelevant bei Seite liegen. Für die nachfolgende Darstellung und Betrachtung der Jhanas (Vertiefungen) mögen noch zwei Bemerkungen allgemeiner Art angebracht sein:
Wahrnehmungen, Beobachtungen stehen in Abhängigkeit zu den Grundannahmen, die der Beobachter hat. Sie sind immer theoriebefrachtet. Das gilt auch für die meditativen Erfahrungen!
Die Annäherung an die Befreiung vom Leiden erfolgt im Rahmen der Dreieinheit von Sila, Samadhi, Prajna. Auch in der Buddhalehre kann nur dem gegeben werden, der schon ein Grundwissen um sein persönliches „Dukkha“ hat. Wer sich, sein Leben, die Welt für vollkommen hält, hat kein Gehör für den Dharma. Durch sinnvolles Verhalten (Sila), vertiefte Selbstkenntnis (Samadhi) vereint mit Wissen (zunächst über das Erleiden, dann über den Dharma) wird eine Entwicklungsspirale ingang gesetzt. Je klarer eine ethische Position des Nichtschadens und Helfenwollens, desto tiefer die Meditation und die Bereitschaft, Wissen zur Optimierung der Praxis anzunehmen. Die Lehre des Buddha ist immer und überall eine von „Bedingtem Entstehen“. Apriorische Einsicht führt zu sittenreinem Verhalten, die natürliche Tendenz zur Innenschau wird mit Hilfe von Wissen systematisiert und effektiver gemacht. Eines bedingt das andere und hält die Dynamik der Entwicklung in Gang.
Wahrnehmung ist ein hoch komplexer Prozess, in dem auf tief unbewussten Ebenen Sinn, Motivation und emotionale Reaktionen einfließen.
Und zuletzt noch: Die Kognitionswissenschaften lehren uns, dass die wahrgenommene Welt eine Konstruktion des Wahrnehmungssystems ist und dass Innenwelt und Außenwelt in einem aktiven Austauschprozess einander hervorbringen. (Wobei die Dualität der Sichtweise des sich getrennt erlebenden Ego die gegebene Einheit von Organismus und Umwelt zerreisst.)
Die Lehre des Buddha ist immer davon überzeugt, dass das Leben eine totale Einheit ist und in der Lage, sich selbst durch Erleben und Erkennen zu korrigieren und so sich selbst zu transzendieren. Ihre Analysen, Methoden und Meditationen sind darauf angelegt, die Autonomie des autochton, selbstorganisierenden sich wandelnden Humanen zu betonen (unabhängig von alten Büchern!). Sie ist darauf angelegt, den Menschen von allen, sich selbst dienenden zeitgebundenen dogmatisch autoritären gesellschaftlichen Fesseln zu befreien, die das Abenteuer des Universums bedrohen, im Menschen sich selbst bewusst geworden zu sein.
Paul Dahlke vertrat die Meinung, dass Gautama als erster Mensch aufzeigte, wie durch den Gebrauch der Kräfte des Verstandes, der Vernunft, des Willens, der Einsicht, der Freude, des Gleichmuts und manch anderer Faktoren wahre Menschlichkeit geweckt und durch Entfaltung dieser Kräfte befähigt wird, sein Erleiden aufzuheben und einen leidfreien Zustand klar bewusst erfahren zu können.
Im Rahmen solcher Sichtweise ist kein Raum für Begriffe wie Gott, Seele oder Glauben, so wie wir sie gewöhnlich gebrauchen. Der Mensch bleibt auf sich selber gestellt, was ihn mit dem Universum verbindet, ist seine Natur und die Ehrfurcht vor beiden.
Das Sutta
Episode: der Erhabene weilte in Savatti, im Jetavana, dem Mönchsheim Anathapindikas. Zur gleichen Zeit hielt sich der Wandermönch Potthapada im Mönchsheim der Mallika auf, wo er mit einer großen Gruppe von Wandermönchen im Gespräch war. („Allerhand unwürdiges Gerede über Könige, Abenteuer, Essen und Trinken usw.“) Als der Buddha sich dort hin begibt, tritt Stille ein und Potthapada sagt dem Buddha, es sei ein Gespräch im Gange gewesen über die höchste Vernichtung der Wahrnehmung (K.E. Neumann übersetzt hier „schwindende Wahrnehmung“.) Es geht hier um den all - indischen Gedanken der Befreiung vom Leiden des Geburtenkreislaufs durch Auflösung der Persönlichkeit, das Aufgehen des Atman im Brahman, das Auflösen der Einzelperson in der Alleinheit und Ähnliches. Im Rahmen des Dharma wäre hier unter anderen SN IV 184 zu erwähnen, wo es darum geht, wie das Erkennen, das Verstehen beschaffen sein muss, damit man die Ansicht vom Selbst aufgeben kann: man muss das Auge, die Formen, die Sehberührung, das Sehbewusstsein und die Denkberührung als wesenlos (selbstlos) erkennen, damit man die Ansicht vom Selbst aufgeben kann. Auch im MN 109 wird eine Erläuterung der Nicht – Selbst - Natur der Daseinsgruppen durchgeführt. (Weitere wichtige Sutren zu dem Thema Selbst und Daseinsfaktoren sind SN 22, MN 43 und 44).
In AN VI 85 werden Persönlichkeit und Erlöschen einander gegenüber gestellt. Je nachdem, ob man dem Gemeinen zugetan ist und froh der Persönlichkeit oder ob man dem Erlesenen zugetan ist und froh der Erlöschung: Es sei hier daran erinnert, dass der Buddha nicht von einer Vernichtung des Lebens oder Zerstörung des Individuums gesprochen hat. Es geht prinzipiell um zweierlei: Das Erlöschen der Geistesgifte „Gier, Hass und Wahn“ und das Erreichen eines Zustandes höchsten Glücks, Mahasukkha. Nur unzureichende Kenntnis und falsches Verstehen wird im Theravada nihilistische Tendenzen vermuten. Die im Folgenden sogenannte Auflösung der Persönlichkeit meint das Aufgeben der Illusion ewig, statisch und getrennt von der Welt zu existieren. Es wird auch betont, dass die ‚Auflösung der Persönlichkeit’ nur dem gelingen kann, der die höchsten Fähigkeiten entwickelt hat und jede Hemmung und jede Verwirklichung, die ihn zu einer bestimmten Person machte, abgestreift hat: „soeben hat er die unpersönliche Freiheit verwirklicht, die ganze Natur überwunden. Das ist die Allmacht des Menschen. Da ist er vollendet, wie eben Gautama. Dann ist er in der Lage, jedem anderen einzelnen als die ihm entsprechende Persönlichkeit zu erscheinen, da er alle in sich vereinigt.
Der Heilige, in analoger Form auch der Künstler, steht über der Welt auf einer hohen Stufe anschauender Erkenntnis. Plotin formuliert diesen Zustand so. „alles hat, wer alles aufgibt.“ Und Meister Eckhart: „Was ist die Vermögenheit des Wesens? Die Vermögenheit des Wesens ist, dass es sonder Persönlichkeit ist.“
Es geht hier um die Erkenntnis, dass die Selbstvollendung in Selbstaufhebung besteht, in der Nichtung des menschlichen Ego. So wird die Lehre Gautamas von anderen bestätigt:
Was auch irgend in der Welt besteht, ist Anatta, nicht Ich, nicht Selbst, nicht sich selbst zu eigen, wesenlos (und damit allverbunden).
Goethe sagt in den Xenien lapidar: ein Professor ist eine Person, Gott ist keine. Person, Persona kommt von hindurchtönen durch die Maske. Person leitet sich vom Scheinbild im Schauspiel ab, von hier aus ist die Illusion, die hochgeschätzte Fiktion der Person und Persönlichkeit entstanden. Die Person, die das Höchste erreichen kann, wird auch im MN 77 Mahasakuludai beschrieben: höchste Tugend, höchstes Wissen, höchste Weisheit und höchste Schauung. Im Potthapada Sutta werden nun Meinungen über die Wahrnehmung diskutiert: „ohne Grund, ohne Ursache entstehen die Wahrnehmungen und vergehen sie wieder. Oder, die Wahrnehmungsfähigkeit die kommt und geht, ist des Menschen selbst. Oder, es gibt magisch mächtige Menschen, die drücken den anderen Menschen die Wahrnehmung auf. Oder, aber Gottheiten mit großen magischen Kräften geben die Wahrnehmung und entziehen sie wieder.
Auf diese Art und Weise wird die höchste Vernichtung (das Schwinden) der Wahrnehmung dargelegt. Potthapada fragt nun den Buddha, wie der Vorgang des Schwindens der Wahrnehmung vor sich geht. Diese Sätze sind im 5. Jahrhundert v.u.Z. entstanden. Indien hatte damals schon eine hochentwickelte Wahrnehmungspsychologie, die oft noch vom magisch-mythischen Denken durchdrungen wird. Der Buddha sieht dies nüchtern, eher naturwissenschaftlich. Gautama stellt fest: „Aus Gründen, aus Ursachen entstehen und vergehen die Wahrnehmungen der Menschen. Je nach Übung entstehen einzelne Wahrnehmungen, je nach der Übung vergehen einzelne Wahrnehmungen (dieser Gedanke zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Sutta. Wahrnehmung wird hier nirgendwo als passiver Vorgang, sondern als hoch komplexer aktiver Prozess gesehen, als intendiertes Handeln, das auch von Lernprozessen abhängt.)
Der Buddha führt nun aus, dass der Vollendete in der Welt erscheint und alles Existierende zeigt, wie es ist, weil er es selbst unmittelbar (in, vor oder transbegrifflicher Schau) erkannt hat. Er zeigt die Lehre nach ihrem eigenen Sinn, nach ihrer eigenen Fassung. Das vollkommene Reinheitsleben zeigt er. Diese Lehre hört einer, ein Haushaber oder aus einem anderen guten Hause (hier eine Anspielung auf das Elitäre: teilt ein maßgebender Mensch sich aus der Unmittelbarkeit seiner Überzeugungstiefe mit, kann er von anderen, die hierfür bereit sind, gehört werden. Ohne dieses Wechselspiel kann keine Lehre entstehen.)
„Der es also gehört hat, will dann aus dem Gedränge des Hauslebens heraus und geht in die Hauslosigkeit. (Hauslosigkeit gehört in den Bereich des Entsagens. „Für eine gewisse Zeit entsage ich allem anderen um eine Sache zu üben“. Für den Laienanhänger bedeutet dies zeitweilig in ein Retreat zu gehen. Der Mönch in uns, die Nonne in uns wartet geduldig. Der Buddha aber betont wiederholt, dass man weder die Seinen noch die Welt verlassen muss – aber doch allmählich einen Raum um sich herum schafft, durch Achtsamkeit von anderen unterschieden, stets bereit bei sich selber einzukehren – „seid euch selbst eine Insel“.) Der in die Hauslosigkeit gegangen ist „lebt dann wohl behütet im Schutz der Ordensregeln (die ihm helfen sollen ungestört auf dem spirituellen Pfad zu bleiben) und ist eines guten Lebenswandel beflissen. (ohne Einhalten des Silas ist aber auch im Hausleben eine Verwirklichung der Pfade nicht möglich) hingegeben an die Übungen. Er führt guten Wandel in Taten und Worten, voller Einsicht in die Gefahr auch kleiner Vergehungen, mit Hingabe übt er sich in den Übungen.
Die fünf Silas (nicht töten, nicht stehlen, nicht üble Rede führen, kein sexuelles Fehlverhalten, keine berauschenden Mittel nehmen) werden in dieser Passage des Sutta breit ausgeführt. Es wird gesagt, dass ein Glücksgefühl schon aus der sittlichen Lebensführung kommen kann. „Gerüstet mit dieser edlen Zuchtfülle, empfindet er innerlich fleckenloses Glück.“
Dann übt er, wie er wohl beschützt an den Toren der Sinne sein kann.
Da fasst er, wenn er mit dem Auge eine Form erblickt, sie weder im Wesentlichen noch in den Einzelheiten auf, damit ihm nicht Begehrlichkeit, geistiges Elend und böse Dinge widerfahren. Dies gilt für alle Sinne einschließlich des Denkens. Es geht also um Achtsamkeit und Vermeiden des Anhaftens aber auch um das Ablegen alter Gewohnheiten und Annehmen von neuen Heilsamen:
Die Faktoren des Übungsanfanges sind also: Zuchtfülle, Sinnenschutz, Achtsamkeit und Besonnenheit, Zufriedenheit (mit wenig Besitz leben usw.). „Dann wählt er sich eine einfache Lagerstätte, setzt sich gerade aufgerichtet hin, die Achtsamkeit voll gegenwärtig, haltend. Die Gier nach der Welt hat er aufgegeben, wohlgesinnten Geistes weilt er, um das Wohl aller Lebewesen besorgt, von Böswilligkeit reinigt er sich, Trägheit hat er aufgegeben. Erregung und Unruhe hat er aufgegeben. Das Zweifeln hat er aufgegeben.
Wenn die fünf Hemmungen geschwunden sind, erhebt sich in ihm Frohgefühl, dem Freudigen beruhigt sich der Körper, der beruhigte Körper fühlt das Glück, dem Beglückten einigt sich der Geist. So weilt er freigeworden von unguten Dingen im Besitz der ersten Gedankenstufe (Vertiefung: Jhana), der mit Denkanregung und Erwägungen behafteten, freudvoll Beglückenden. Gleichzeitig ersetzt die freudvoll beglückende geistig wahre Art der Wahrnehmung ein, er ist dann einer, der in dieser freudvoll beglückenden geistig wahren Art wahrnimmt.
Und so geschieht es, dass durch die Übung einzelne Wahrnehmungen entstehen, einzelne Wahrnehmungen vergehen.
So werden nacheinander die Vertiefungen, die Gedankenstufen, die Jhanas erreicht: (Im Satipatthana Sutta heisst es: „nach Überwindung von Begierde und Trübsal hinsichtlich der Welt.“ Hier, wie an vielen anderen Stellen wird die Sichtweise des Buddha deutlich, nichts ereignet sich monocausal, auch mein eigenes Streben entstammt einem Netzwerk von Ursachen und Bedingungen, das aus weiter Vergangenheit kommt und weit in die Zukunft reichen wird. Achtsamkeit alleine genügt nicht, Meditation alleine genügt nicht … Diese Erkenntnis mag zur Ausformung des Abhidhamma und anderer Systeme geführt haben, die die Eigenverantwortlichkeit und Macht des Menschen ansprechen. In anderen Systemen wird die Hingabe an die Übung durch Hingabe an eine andere, höhere Macht abgelöst, dem erlösenden Bodhisattva.)
Nun die Jhanas (Vertiefungen):
Stufe: Aufhören sinnlicher Lust und unheilsamer Regungen, Vorhandensein von Nachdenken und Erwägen, aus der Loslösung resultierende Wohlbefindensfreude.
Stufe: Aufhören von Nachdenken und Erwägen, Entstehen von Geistesruhe und Konzentration und aus der Meditation resultierende Wohlbefindensfreude.
Stufe: Aufhören der Freude zu Gunsten der Freiheit von Affekten, gleichmütiges und achtsames Verweilen in körperlichen Wohlbefinden.
Stufe: Aufhören von Wohlbefindens- und Leidensgefühlen, Entstehen freud- und leidfreien Gleichmuts in Achtsamkeit und Reinheit.
Stufe: Ist die Erfahrung der Raumunendlichkeit
Stufe: das Erreichen der Bewusstseinsunendlichkeit
Stufe: Umfasst die Vorstellung, nichts ist da, das ist das Gebiet der Nichtetwasheit
Stufe: Ist das Erreichen des Gebietes der weder Wahrnehmung noch Nichtwahrnehmung.
In den Vertiefungen erlöschen (schwinden) zunächst die fünf Hindernisse, dann schrittweise Denken, Verzückung, Glücksgefühl bis letztlich in der vierten Stufe nur Sammlung und Gleichmut bleibt. Durch Überwindung der Formwahrnehmung, durch Vernichtung der Widerstandswahrnehmung, durch Nichteingehen auf die Vielheitswahrnehmung wird dann das Gebiet der Raumunendlichkeit erreicht.
Die frühere Form der Art der Wahrnehmung schwindet dann, gleichzeitig setzt die raumunendliche, geistig wahre Art der Wahrnehmung ein. Und so geschieht es, dass je nach Übung einzelne Wahrnehmungen entstehen und einzelne Wahrnehmungen vergehen. Sobald der Mönch in sich das selbst wahrnimmt, erreicht er stufenweise weitersteigend die Wahrnehmungshöhe (Spitze der Wahrnehmung).
Steht er an der Spitze der Wahrnehmung, sagt er sich: “wenn ich nun wieder denken würde, würden diese feinen Wahrnehmungen verschwinden und grobe Wahrnehmungsformen würden entstehen. Dann bildet er nicht mehr Gedanken. Er lebt nun das Aufhören (des Wahrnehmungsvermögen), so nun erreicht man stufenweise voll bewusst den Zustand des höchsten Aufhörens der Wahrnehmungsfähigkeit.
Der Buddha sagt, dass er einige und zugleich eine Wahrnehmungshöhe lehrt, weil der Betreffende das Aufhören, je nach Erreichen der Stufe, erlebt. Die Übung verändert progressiv den ganzen Menschen, soeben auch seine Wahrnehmung bzw. Sichtweise. So werden nacheinander unterscheidbare Wirklichkeiten aktualisiert: übungsbedingt durch klare bewusste zielgerichtete Übungsanstrengung. Das ist bewusst geführtes, am Heilsamen orientiertes Leben, ganz anders, als der zufallsgebeutelte durchschnittliche Alltag. Die Veränderung des Gesamtzustandes (Körper und Geist sind gleichermaßen von Wohlgefühl usw. durchtränkt. So ändert sich die Sichtweise, die Wahrnehmung und damit die Welt.)
Ferner lehrt der Buddha, dass zuerst die Wahrnehmung entsteht und dann das Erkennen (Leben ist Erkennen, die Evolution der Lebewesen ist ein Erkenntnisprozess.) Auch der Buddha lehrt uns, dass die Entwicklung des Lebens grundlegend von der Struktur der Wahrnehmung abhängt, die sich durch gezielte Übung verändern lässt, bis hin zur Überwindung alles instinkthaft – natürlichen Erleidens, eben durch das Aufhören der früheren Formen der Wahrnehmung.
Potthapada fragt dann, ob die Wahrnehmung des Menschen Selbst sei? Der Buddha versucht P. zu erklären, dass, wie immer auch ein Selbst beschaffen wäre, unabhängig von dieser Vorstellung immer neue Wahrnehmungen entstehen und vergehen werden. Schließlich meint er, dass es für P. schwer zu verstehen ist, weil er einer anderen Denkschule angehört. Er versteht Anatta nicht und auch nicht, dass Wahrnehmung ein Skandha ist, ebenso leer von Selbst wie die Ich – Illusion.
Potthapada wechselt dann das Thema und so entfaltet sich dann die zweite Episode des Sutta. P. fragt: „wie steht es um die Ewigkeit der Welt? Ist die Welt endlich oder unendlich? Ist das Leben dasselbe wie der Leib? Ist der Vollendete nach dem Tode oder ist er nicht?“ Der Buddha antwortet auf all diese Fragen: „Das ist nicht von mir erklärt worden. (Zum gleichen Thema siehe auch Malunkyaputta Sutta, das Vaccaghotta Sutta MN 73, DN 6 Makali Sutta, MN 36 Mahasaccaka Sutta).
Der Buddha sagt zu P.: „das passt nicht zum Sinn, passt nicht zur Lehre, führt nicht zu Entsüchtung, nicht zum Aufhören, nicht zur Beruhigung.“ Hier ist der Buddha Soter (Erlöser), kein Philosoph usw.
(Zu diesem Thema siehe ferner auch Upul über Avyakritavastuni)
Die Allwissenheit des Buddha ist keine lexikalische. In seiner Funktion als Wegweiser zur Erlösung vom Leiden weiß er aber alles von Dukkha und wie wir uns davon befreien können. Bezüglich der metaphysischen Fragen sagt er: „Dies führt nicht zur Einsicht, nicht zur Erwachung, nicht zur Erlöschung. Vom Erhabenen wurde erklärt:
Dies ist das Leiden, das die Leidenentstehung, so die Leidensvernichtung und dies der zur Leidens Vernichtung führende Pfad. Was ich gelehrt habe, eignet sich als Ausgangspunkt des Reinheitslebens, führt zur Beruhigung, zur Einsicht, zum Aufhören, zur Erwachung. Dies ist der wirkliche wahre Pfad, der zur Wahrheit führt.
In der dritten Episode nun werden die Fragen der zweiten Episode noch einmal aufgeworfen und in gleicher Weise beantwortet.
Dann sagt der Buddha, dass es einige Samanas und Brahmanen gibt, die so sagen, so glauben: einzig glücklich, heil ist das Selbst nach dem Tode. Er fragt sie dann: weilt ihr denn im Anblick und im Wissen einer einzig glücklichen Welt? Sie müssen diese Frage verneinen und sind auch nicht in der Lage, den Weg, einen Pfad zur Verwirklichung, zu ihrer so geglaubten Welt anzugeben, noch haben sie von Göttern eine Kunde davon bekommen, wie man sein Leben führen muss, um dort hin zu gelangen.
Es ist genau so, als würde man die Schönste im Land heiraten wollen, ohne sie je gesehen zu haben. So bleibt die Aussage dieser Brahmanen leer und gegenstandslos.
In der vierten Episode wird die Frage nach dem Selbst wieder direkt aufgegriffen.
„Drei Auffassungen vom Selbst Potthapada gibt es: die grob–materielle Auffassung, die geist–artige Auffassung und die form–freie Auffassung vom Selbst.
Die grob–materielle ist das Formhafte, soweit es aus den vier Elementen besteht und von substantieller Nahrung genährt wird.
Das form–hafte, soweit es geistartiger Natur ist, ist mit allen Gliedern versehen, mit den Ich–Funktionen versehen, dies ist die geistartige Auffassung vom Selbst. Was ist die form–freie Auffassung? Das Formfreie, Wahrnehmungsartige, das ist die form–freie Auffassung vom Selbst. (K. E. Neumann übersetzt etwas anders: drei Arten von Selbstentwicklung gibt es, die gröbere Selbstentwicklung, die geisthafte Selbstentwicklung und die unkörperliche Selbstentwicklung. Um die gröbere Art der Selbstentwicklung verlieren zu können, lege ich die Satzungen, den Dharma dar, dass ihr Schritt um Schritt die besudelnden Dinge verlieren und die läuternden Dinge erwerben könnt.)
Hier ist vielleicht etwas deutlicher, dass es darum geht, schrittweise durch die übungsbedingte Veränderung der Wahrnehmung (und damit des Bewusstseins) Schritt um Schritt die Sicht der Wirklichkeit zu verändern und allmählich aus den Leid verursachenden Bereichen in geläuterte, leidfreiere und letztlich leidlose Bereiche zu kommen.)
Entscheidend für das Thema sind nun die folgenden Sätze, deren Kernaussage die ist, dass: wie immer ein Selbst beschaffen sein könnte, es um das Aufhören des Unheilsamen und Anwachsen des Heilsamen geht. Für die Funktion der letztlich nicht dualen Welt ist die Hypothese des Ego, des Selbst überflüssig. Im Sutta lautet dies so:
Zum Lassen der grobmateriellen Auffassung vom Selbst zeige ich die Lehre, sodass, wenn ihr sie befolgt, die beschmutzenden Dinge schwinden werden, die reinigenden Dinge wachsen werden, sodass ihr die Weisheitsfülle, die Reife schon in diesem Dasein aus euch selbst begreifen, verwirklichen und euch zu eigen machen werdet.
Da wird auch Glück da sein, wird Freude und Ruhe, Verinnerlichung und volle Einsicht da sein und segensvoller Zustand. Auch zum Lassen der geistartigen Auffassung vom Selbst zum Lassen der formfreien Auffassung vom Selbst zeige ich die Lehre. (mit dem Wortlaut wie oben)
Potthapada bestätigt Buddha, dass diese Rede als wohlbegründet angesehen werden muss. Citta, ein Begleiter Potthapadas, fragt den Buddha nun, ob die grobmaterielle, geistartige und formfreie Auffassung vom Selbst simultan bestehen können? Der Buddha antwortet: „Solange die formfreie Auffassung vom Selbst besteht, solange kommt weder die geistartige noch die grobmaterielle in Betracht.“ Was wäre, wenn man dich, Citta, fragen würde: warst du in vergangener Zeit oder warst du nicht, wirst du zukünftig sein, bist du jetzt oder bist du etwa nicht? Nach einigen Erwägungen kommt Citta zu dem Schluss: „Die Auffassung vom Selbst, die ich jetzt in der Gegenwart habe, eben diese Auffassung vom Selbst ist wirklich, nichtig die vergangene, nichtig die zukünftige.“
Bedeutsam ist auch die hier eingeflochtene Bemerkung Buddhas: das alles, Citta, sind aber nur in der Welt übliche Worte, in der Welt übliche Bezeichnungen, in der Welt übliche Ausdrucksformen, deren sich der Vollendete bedient, ohne sich daran zu halten. Es waren also diese Belehrungen auf der relativen Ebene der Wahrheit, die dem Verständnisniveau der Anwesenden angepasst sind. Die Diskussion über das Selbst auf der absoluten Ebene der Wahrheit wurde hier nicht aufgenommen.
Das Sutta schließt damit, dass Potthapada Laienanhänger wird, Citta aber lässt sich zum Mönch ordinieren und hat das Ziel des Reinheitslebens bald erreicht: „Vernichtet ist die Geburt, ausgelebt ist das Reinheitsleben, vollbracht die Aufgabe, nichts weiter mehr vom diesen hier. Die unmittelbare Einsicht ging ihm auf, dass heißt, er hat den Gipfel der Wahrnehmung transzendiert, die Schau jenseits alles Sinnenhaft–Begrifflichen erreicht.
Die Schriftensammlung der Digha Nikaya enthält mehrere Sutten, die uns Wege der Praxis darstellt, wie hier auch das Potthapada – Sutta.
Aus diesem Rahmen lassen sich mehrere Ratschläge ableiten, wie wir schrittweise dem Pfad folgen können.
Im Potthapada – Sutta ging es um das höhere Erlöschen des Bewusstseins (Schwinden der Wahrnehmung), dies ist Nirodha, was manchmal auch als neuntes Jhana bezeichnet wird. Das Aufhören von Gefühl und Wahrnehmung, ein Zustand höchster Konzentration. (Jhana meint auch, den Geist an einen Punkt heranführen, an dem man durch Konzentration einen Augenblick absolute Stille erleben kann, indem es keine Wahrnehmung und kein Ich – Konstrukt gibt. Z. B. die Pause vor dem Einatmen, das nicht bedingte Dharma zwischen zwei Gedanken und ähnliche Erfahrungen von ‚Leerheit’.
Die Grundvoraussetzung für die Übungsschritte wird in diesem Sutta so dargestellt: „Wahrnehmungen entstehen durch Ursachen und Bedingungen, einige Wahrnehmungen treten durch Übung auf, andere erlöschen durch Übung. (Das Sutta führt gelegentlich den Untertitel: über Bewusstseinszustände, man darf also statt Wahrnehmungsänderung immer wieder auch Veränderung des Bewusstseins lesen).
Man kann die Methoden des Buddha den sogenannten Bewusstseinsdisziplinen zuordnen, die sich mit veränderten Bewusstseinszuständen befassen, die auch durch Drogen, Yoga und andere Techniken, wie das holotrope Atmen (St. Grof) und anderes erreicht werden. Durch diese Veränderungen des Bewusstseinsniveaus werden Wahrnehmungen möglich, die über die des alltäglichen Bewusstseins hinausgehen. Die angestrebten Bewusstseinsveränderungen im Buddhadharma wollen dem Rahmen „Sila, Samadhi, Prajna“ eingegliedert sein, um zu höherer Bewusstseinsklarheit zu gelangen. Da diese Veränderungen nie ohne gegenseitiges Bedingtsein durch ethische Momente gedacht sind, haben sie viel größere soziale Relevanz, als gewöhnlich beachtet wird.
Aus dem Sutta lassen sich zwei Linien der Übungsentfaltung herauslesen.
Einhalten der Silas, was ein Gefühl der Makellosigkeit und ein gewisses Glücksgefühl geben kann
Ein gewisses Maß an Entsagung und Zufriedenheit, verbunden mit „weniger“.
Es wird zwar nicht explizit gesagt, aber im Sutta, dem Ganzen folgend, geht es auch um Entsagung auf dem Gebiet des Wissens. Das Wissen um die Dauer des Kosmos, das nachtodliche Leben des Buddha (im ganzen 14 Fragen) werden als der Erlösung nicht dienlich, nicht beantwortet.
Bewachen der Sinnestore, Wahrnehmen ohne Gier, ohne Anhaftung oder Ablehnung, einfach registrieren! Dies wäre der erste Schritt zu einem harmonischen Leben.
Achtsamkeit und Wissensklarheit in der meditativen Praxis und im Alltag (wird ganz genau dargelegt bei Nyanaponika: Geistestraining durch Achtsamkeit).
Schon durch 1. bis 4. erlangen wir eine gewisse Befreiung von der Bürde des Verlangens und Gewissheit, dass wir durch stetes Lernen Befreiung erlangen können.
Die zweite Linie, eine variierte Schrittfolge auf dem Pfad, sieht etwa so aus:
· Verstehen und Erkennen des persönlichen Dukkha, dem Gefühl der permanenten Rastlosigkeit und Unvollkommenheit.
· Ernüchterung, nicht erwarten, dass es in der Welt absolute Erfüllung geben könnte, bzw., dass es etwas gäbe, das man dauerhaft halten kann
· Vertrauen in Buddha und Dharma
· Freudiges Engagement
· Arbeiten an den Vertiefungen (Jhanas)
· Wahrnehmen und erkennen zu können, wie die Dinge wirklich sind
· Erleben und erkennen, von Anatta, Anicca, Dukkha.
· Erlangen von Ruhe und Stille (fallenlassen des rastlosen Denkens und der gröberen Formen der Wahrnehmung bis hin zur „Spitze der Wahrnehmung“ und zum Erlöschen)
Wenn sich jemand intensiver mit den Jhanas befassen kann, braucht er einen erfahrenen Lehrer, der die Jhanas selbst gut kennt.
Hier möchte ich nur einige allgemeine Punkte hervorheben, die im Sutta enthalten sind.
Zunächst geht es um Beseitigung der Hindernisse im Geist (Gier, Hass, Übelwollen, Trägheit, Rastlosigkeit und Zweifel), damit verbunden Fördern des Heilsamen und Tilgen des Unheilsamen. Dies gelingt durch meditative Beruhigung und Übung in Metta (liebender Güte).
Gelingt dies, entsteht eine freudige Stimmung und Begeisterung (Piti). Damit verbunden, kommt der Körper zur Ruhe. Meditation kann nur gelingen, wenn Geist und Körper sich wohl fühlen, ohne Freude ist wirkliche Konzentration nicht möglich. Wenn wir regelmäßig meditieren, wird uns langsam klar, dass wir Zugang zu gehobenen Bewusstseinszuständen (subtile Wahrnehmung!) haben können.
Dabei muss das Verstandesmäßige begleitet sein von einer Öffnung des Herzens. Dies wird z. B. an einer Schilderung Buddhas über die zweite Jhana deutlich: er (sie) durchtränkt, erfüllt und durchdringt seinen Körper mit Entzücken und Freude, die aus der Sammlung entstanden sind, sodass nichts an seinem Körper undurchdrungen bleibt. Und für das dritte Jhana: er weilt achtsam und wissensklar und empfindet ein angenehmes Gefühl im Körper. Glücklich weilt der Gleichmütige. Wesentlich ist, dass wir die Sicherheit bekommen, dass Freude, Glück und Gleichmut stets in uns vorhanden sind, es bedarf bloß der von Buddha geleiteten Übung, Geduld und Ausdauer, um sie freizulegen und erleben zu können.
Wir können zur Erfahrung gelangen, dass das Glück und der Friede des dritten Jhana durch keine Erfüllung von Begierde im weltlichen Leben übertroffen werden kann. Der Friede ist in uns, durch Konzentration und Vertiefung können wir in finden.
Wichtig ist auch, dass auf Grund des Gesetzes des bedingten Entstehens, wir alle in einem großen Zusammenhang sind, und der Friede, den du erreichst, geht unmittelbar in das universale Bewusstsein ein. Nach jeder erreichten Vertiefung, ist der Geist befähigt, eine andere Wirklichkeit wahrzunehmen, die er vorher nicht wahrnehmen konnte. In den höheren Jhanas (5 – 8) erfahren wir, dass in der Meditation die Person, die wir zu sein glauben, nicht existiert. Es gibt Raum, es gibt Bewusstsein, es gibt Gewahrsein aber keine definierbare, abgrenzbare Person. Im Sutta wird dann gesagt, dass im 8. Jhana der Gipfel der Wahrnehmung berührt wird, die tiefste Ruhe, die der Geist erreichen kann. Es ist die letzte Stufe vor dem Erlöschen des höheren Bewusstseins, wonach Potthapada am Anfang des Sutta gefragt hat.
Schlussbetrachtungen (über EGO und SELBST)
Dukkha (Leiden) entsteht durch die Kluft zwischen unserer überzeugungsbedingten Wahrnehmungen und dem, was wirklich ist. Es ist der universale Glaube an ein individuelles bleibendes ICH, jene Unwissenheit, die die universale Grundangst verursacht, die uns zu gierhaften oder hasserfüllten Verhalten leitet. Dieser ICH – Glaube hindert uns daran, voll in der Welt zu sein und unsere Menschlichkeit wahrhaft zu realisieren.
Die dritte heilige Wahrheit verweist uns auf den Bereich jenseits der ICH – Verhaftung: ein Bereich, ohne die drei Geistesgifte, ein Zustand unbedingter Offenheit und unbedingten Friedens.
Der Dharma besteht im Wesentlichen aus Anweisungen, wie man die Wirklichkeitsschau des Buddha in eigener Erfahrung nachvollziehen kann. Er macht uns klar, dass bis jetzt frühere Handlungen (Karma) uns bestimmt haben, aber ab jetzt viele verschiedene Handlungsmöglichkeiten bestehen. Die Methoden, dies zu erreichen, bestehen im Wesentlichen in genauer Analyse und unmittelbarer Erfahrung der Wahrnehmungsprozesse, die stufenweise verändert die Erzeugung neuer Wirklichkeit ermöglichen.
Die höheren (subtileren) Wahrnehmungen bzw. Bewusstseinszustände bringen die Erfahrung der Ego–Losigkeit und der Nichtdualität. Der Buddha macht uns klar, dass Mensch und Welt eine Einheit sind und er zeigt uns Wege unser Selbst so zu verändern, sodass damit auch die Welt verändert wird. Dabei sind weder der Erleber noch die Welt feste dauerhafte Bezugspunkte.
Hier scheint eine Analogie mit dem Teilchen-Wellen-Problem der Quantenphysik angebracht: Licht zeigt Teilchen- oder Wellencharakter je nach Versuchsanordnung (Wahrnehmungsapparat!) bzw. Messverfahren. In der alltäglichen Welt, makrophysikalisch, erfahre ich mich als Person und Ego, als getrenntes Teilchen mit einem genauen Ort, einer genauen Zeit, in Wechselwirkung mit anderen Teilchen usw. Als Welle gesehen habe ich keine endliche Ausdehnung, bin raumähnlich, erfülle den ganzen Kosmos und bin völlig durchdrungen von anderen Wellen, ununterscheidbar ein Wellenpaket, unlösbar verschmolzen mit dem Universum. (Dies gehört zu den Kontemplationen der Huayan Philosophie.)
Achtsamkeitmeditation und die Kontemplation des bedingten Entstehens enthüllen die absolute Relativität und die radikale Dynamik des kosmischen Prozesses, dessen Teilhaber wir sind. In uns wird dieser Prozess bewusst, aber dieses Bewusstsein spaltet sich, wir werden uns selber bewusst. Der beobachtende und der beschreibende Aspekt unserer geistigen Prozesse (Nama) ist es, den wir ICH nennen (es ist dies das begleitende Bewusstsein), unser so genanntes Innenleben ist eine Folge dieser Spaltung, die uns vorspielt, dass unsere Wahrnehmungen und deren Beschreibung zweierlei seien.
Das Selbstbewusstsein entsteht dadurch, dass der Gebrauch der Sprache eine Distanz entstehen lässt und dass wir so allem gegenüber die Position des Beobachters einnehmen können.
Das konstante, begleitende und beobachtende Bewusstsein mit den Gedanken und der Sprache ist es, das ICH – MIR – MEINER – MICH sagt und die Illusion einer unabhängigen Entität (Seinseinheit) entstehen lässt mit den bereits erwähnten Folgen.
Es ist eben dieses reflexive Bewusstsein, das die Skandhas (Form, Empfindung, Wahrnehmung, Gedanken und Bewusstsein) zu einem scheinbar ewigen ICH zusammenschnürt. Wenn wir den Prozess in der Meditation genau erfassen lernen, werden wir erkennen, dass Erfahrung aus Erfahrungsmomenten besteht und dazwischen Lücken sind, in denen es weder EGO noch Wahrnehmung gibt.
Die Egolosigkeit ist also stets gegenwärtig. Sogyal Rinpoche empfiehlt diese Pausen (bei der Atmung, bei den Gedanken) genau zu beachten, denn sie sind der Freiraum (in der Sprache des Abidhamma, nicht bedingte Dharmas). So können wir auch erfahren, dass alles aus der Leerheit entsteht und auch wieder dahin zurückkehrt. Alles (auch das Ego) ist vorübergehende Erscheinung. Eine Form endet und eine neue ersetzt sie, von einem Moment zum anderen. Wenn wir die Konzentration nach innen auf den Körper oder den Geist richten, löst sich alle Festigkeit in Bewegung auf und wir können die Erfahrung machen, dass alles leer ist, von einem nicht bedingten Selbst, aber erfüllt von allem, dem ganzen Kosmos (Intersein!).
Wir müssen akzeptieren, dass der spirituelle Weg uns vor zwei Aufgaben stellt:
1. Die Leerheit des ICH zu entdecken und ein gesundes ICH – Gefühl (Selbstgefühl, Ichstärke) zu entwickeln und so allmählich ein Verständnis dafür zu entfalten, was wahres Selbst bedeutet.
Unser ursprüngliches Selbstgefühl entstammt unserer frühen Sozialisation und hängt davon ab, wie wir Bindungen in der Familie erfahren haben, Bestätigungen oder Abwertungen usw.
Ist dieses Selbstgefühl nicht gesund, besteht die spirituelle Arbeit in erster Linie darin, ein mangelhaftes oder verletztes Selbstwertgefühl zu erkennen bzw. zu verbessern. (Unter Umständen mit Hilfe begleitender Psychotherapie).
2. geht es um die Entwicklung des Charakters, Aktivieren der Kraft des Mitgefühls (durch Schulung in den Brahmaviharas), so wird allmählich klar, dass positive Eigenschaften eigentlich immer vorhanden waren. Durch wiederholte Meditation ist es möglich, eine angsterfüllte oder verkrampfte Identität loszulassen, das Herz (Citta!) beruhigen, systematisch über Mitgefühl nachzudenken und die eigenen Motivationen zu überprüfen. Achtsamkeit, Wissensklarheit im Verein mit den Vertiefungen befreien Herz und Geist von den Verkrampfungen der Angst, der Aggression, des Anhaftens wie auch der Verwirrung.
Durch konsequentes Arbeiten manifestieren sich die höheren geistigen Eigenschaften, (subtile Wahrnehmung, höheres Bewusstsein) wie von selbst:
Wir entdecken eine uns innewohnende Verbundenheit und Integriertheit. Ichlosigkeit wird oft falsch verstanden, sie bedeutet nicht:
Einen ständigen Kampf zu führen, um Egozentrik loszuwerden.
Apathie aus einem Gefühl der Wert- und Bedeutungslosigkeit heraus.
Leerheit als Entschuldigung für einen Rückzug aus dem Leben.
Das Ego besiegen oder loswerden zu wollen, womöglich durch Askese.
Es ist gar nicht möglich, ein Selbst (Ego) aufzugeben, weil es nie in der Form vorhanden war, wie wir es illusionär immer wieder erleben, auf Grund der Identifikationen durch das begleitende Bewusstsein. Anatta meint auch nicht Bedeutungslosigkeit: echtes Verstehen von Anatta ist erahnen des Geheimnisses des Lebens, das in jedem Moment vergeht und neu entsteht. Es ist wohl nichts Ewiges da, aber die Anordnung der Muster, die von den Faktorenbündeln (hier Skandhas genannt) gebildet werden, ist einzigartig, einmalig und unverwechselbar unserer Individualität, unser eigenes Potential.
Diese individuelle „Inkarnation“ ist der Ausgangspunkt, von dem aus wir unsere Aufgaben erfüllen können. Im Potthapada Sutta wird nicht vom wahren Selbst gesprochen, aber im Bereich der höheren Jhanas beginnt sich eine Ahnung davon abzuzeichnen. Es ist raumähnlich, von unerhörter Offenheit, nicht personal, ohne Unterscheidung von Einheit und Vielheit.
Möge uns allen Wachwerden und klare Wachheit beschieden sein!
Abkürzungen für die Sutra-Sammlungen des Palikanon:
Mögen alle Wesen glücklich sein.
Upul
